
Die Tische des Herzogs waren prachtvoll geschmückt. Silberne und goldene Schalen, Becher und Kelche waren dabei weit mehr als wertvolles Geschirr.
In Zucker eingelegte Früchte, serviert in schimmernden Schalen und grosse Trinkgefässe in Form von Schiffen beeindruckten die Gäste am burgundischen Hof. Ihren überwältigenden Überfluss machten die Herzöge auch durch weiteres, unbenutztes Geschirr deutlich, das sich auf eigens dafür gezimmerten, treppenartigen Möbeln türmte. Der sagenhafte Reichtum am burgundischen Hof war auch in den eidgenössischen Orten wohlbekannt. Erbeutetes Silbergeschirr stand nach der Erbeutung für den Glanz der burgundischen Tafel.

Die Eidgenossen und ihre Verbündeten versuchten, die grosse Beute zu sammeln, aufzulisten und kontrolliert zu verteilen – mit mässigem Erfolg.
Nach einem Sieg Beute davonzutragen war im Spätmittelalter üblich. Die Erbeutung von grossen Mengen an höfischen Prunkgegenständen, wie dem silbernen und goldenen Tafelgeschirr der Burgunder, war dennoch aussergewöhnlich. Die Liestaler Burgunderschale wurde Heinrich Strübin nach der Schlacht von Nancy wahrscheinlich aus dem Beutegut zugeteilt. Besonders bei Grandson entzogen sich aber viele Krieger der Kontrolle der eidgenössischen Beutemeister und rissen sich Schätze heimlich unter den Nagel.
Silber ist eine Wertanlage. Der burgundische Silberschatz wurde deshalb grösstenteils eingeschmolzen und verkauft.
Auch andere Schriftquellen erwähnen zahlreiche kostbare Gefässe, die heute nicht mehr erhalten sind. In den Beuterödeln wurden silberne und goldene Stücke gemäss ihrem Gewicht und ihrem Geldwert geschätzt. Der symbolische und kunsthandwerkliche Wert der aufwendig gearbeiteten Stücke des burgundischen Hofes war dabei oft zweitrangig, auch weil so viele ähnliche Gefässe erbeutet wurden. Beispielhaft ist die folgende Liste aus Basel zum Beutegut aus Grandson und Lothringen (Nancy):
Viele silberne Schalen aus der Beute wurden verkauft und eingeschmolzen. Aus dem gewonnen Silber konnten neue Kunstwerke geschaffen oder Münzen geprägt werden. Einzelne Trophäen aber wurden als Erzählerinnen der Siegesgeschichte symbolisch wertvoll und entgingen dem Schmelzofen – so wie die Burgunderschale in Liestal.

Silber lässt sich mit einem scharfen Stichel aus Stahl gut gravieren. Die Burgunderschale erzählt ihre Geschichte durch ihre Inschrift gleich selbst.
Graviert wurde die Schale aber nicht durch ihren Eroberer, sondern erst durch Heinrich Strübins Nachkommen. In die ursprünglich einfache Silberschale wurde so wie bei einem Siegespokal die Eroberung auf immer ins Metall eingeschnitten. Wahrscheinlich zur gleichen Zeit erhielt sie zudem einen prunkvollen Fuss.
Die selbstbewusste Patrizierfamilie liess ihr Wappen auf dem Boden der umgestalteten Schale anbringen, um sich auf ewig mit der Trophäe zu verbinden. Sie modifizierten das einfache Silbergeschirr derart aufwendig, damit es visuell besser zu seiner glorreichen Geschichte passte. Aus der einfachen Silberschale wurde ein Siegespokal, aus dem gemeinsam feierlich Wein getrunken werden konnte.
Teil der Beute waren auch heilige Objekte, die in den Kirchen der Eidgenossen als Trophäen in den religiösen Ritus integriert wurden.
Silberne Messkelche waren ebenso wie Reliquien zunächst Teil der gesamten Beute, die aufgelistet, verteilt und verkauft wurde. Einflussreiche Herren wussten sich auch mit kirchlichen Symbolträgern besonders in Szene zu setzen. Sie schenkten lokalen Kirchen wertvolle Messkelche aus Silber, die der burgundische Herzog in seiner Feldkapelle mitgeführt hatte. In der Kirche von Risch am Zugersee befindet sich ein Messkelch aus der Beute von Grandson.
Solche gestifteten Kelche standen in Kirchenschätzen neu geweiht oft weiterhin für die glohrreiche Siegesgeschichte und waren damit Trophäen und heiliges Messgeschirr gleichzeitig.
Der Kelch und die Schale, beide wurden sie zu Siegespokalen. Als Donationen in unterschiedlichen Kontexten erhielten sie die Erinnerung an Siegesgeschichten mächtiger Familien.

Die Burgunderschale ist mit einem ungewöhnlichen Portrait versehen – ein Bildnis des burgundischen Herzogs?
Auch Karl der Kühne wurde verklärt. Sein sagenhafter Ruf als reicher Herzog überdauerte seinen Tod. Man begegnet ihm in Sammlungen der Porträts grosser Herrscher der «Geschichte». Zwischen dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert erhielt die Burgunderschale durch die Familie Strübin ein Medaillon, das mit der Vervielfältigung des Porträts Karls des Kühnen seit seiner Regierungszeit in Verbindung steht. Die einfache Schale hatte davor keine sichtbare Verbindung zu Burgund. Erst durch das Medaillon wurde sie scheinbar zur Schale des Herzogs selbst.
Auch wenn die Schale keine belegte Verbindung zu Karl dem Kühnen hat, führt das kleine Portrait auf ihrem Boden bis an den burgundischen Hof.
Die ursprüngliche Vorlage für das Bildnis Karls auf dem Boden der Schale ist wahrscheinlich ein Medaillon Giovanni Candidas (ca. 1445–1504), der am Hof des Herzogs arbeitete.
Portraits auf Medaillen orientierten sich an antiken Kaisermünzen und sollten ein wiedererkennbares Herrscherbild verbreiten. Solche Stücke fanden später Eingang in private Sammlungen. Auch Basilius Amerbachs berühmtes Kabinett in Basel enthielt einen ‹Karl von Candida›.
Die Medaille vom burgundischen Hof zeigt Karl mit Lorbeerkranz und nackter Brust. Das Portrait auf dem Boden der Burgunderschale dagegen wurde ganz gezielt verändert. Die Vorlage der burgundischen Medaille wurde aufgenommen, aber leicht angepasst, um den angeblich übermässigen Machtanspruch und Reichtum des besiegten Herzogs zu betonen.
Verschiedene Trophäen aus der Burgunderbeute wurden nachträglich direkt mit dem Burgundischen Herzog Karl verbunden, so wie die Burgunderschale. Alles falsche Zuschreibungen?
Dieser modische Lamellenpanzer mit Stoffüberzug ist durchaus aus der Zeit der Burgunderkriege, eine Verbindung zum Herzog ist allerdings nicht belegt. Die Basler erbeuteten gemäss älteren Quellen tatsächlich einen Wappenrock, der allerdings in alten Inventaren nicht mehr auftaucht. Die Rüstung Karls beanspruchten mehrere Städte für sich. So berichten Quellen auch über entsprechende Harnische in Bern und Zürich. Ein plausibles Stück ist allerdings nicht überliefert.
Das später angebrachte Portrait führt teilweise bis heute zur Fehlannahme, dass es sich um «Karls Schale» handle – ein Phänomen, das viele Beutestücke betraf: Ihnen wurde später nachgesagt, sie seien direkt aus Karls Besitz. Tatsächlich war die Schale am burgundischen Hof aber nur eine von vielen schlichten Silberstücken des Tafelgeschirrs. Repräsentative Einzelstücke gab es zwar auch, doch solche sind aus der Burgunderbeute nicht erhalten.

Auch im Besitz Liestals blieb die Burgunderschale nach 1800 ein rituelles Trinkgefäss – nun aber im Sinne der Stadt als Teil des jungen Nationalstaates.
Der jährliche Umtrunk seit der Stiftung durch Crispianus Strübin findet bis heute statt. Die Erinnerung an die heldenhafte Geschichte der Patrizierfamilie Strübin blieb auch nach der Nationalstaatsgründung 1848 relevant und trug zu ihrer Verklärung bei. Wie in vielen Schweizer Städten konnten die alten Herren ihren Besitz und Einfluss zu einem gewissen Grad erhalten. Das Trinken aus der erbeuteten Schale und später aus einer «Gebrauchskopie» nahm nun aber die Symbolik einer nationalen Geschichte an, in der sich die Liestaler verorteten.
In der jungen Schweizer Nation war die Burgunderschale nicht mehr nur ein Symbol der Elite, sondern wurde auch zu einem Monument für den nationalen Geschichtsmythos.
Liestal kaufte der Familie Strübin die Burgunderschale 1795 ab. Im Zuge der konfliktreichen Nationsgründung wurde ein anschlussfähiges Geschichtsbild auch mit Monumenten gefördert. Holzbildhauer J. J. Brodbeck schuf der Schale 1875 einen antikisierenden Siegespokal mit nationalen Symbolen als Podest. Die Schale mit Holzpokal wurde so selber zum historischen Monument der Nationalgeschichte.
Die Burgunderschale ist heute ein Museumsobjekt, behielt durch den Gebrauch als rituelles Trinkgefäss aber auch ihre symbolische Bedeutung.
Im Zuge der Entwicklung historischer Museen seit dem 19. Jahrhundert wird heute auch die Burgunderschale konservatorisch geschützt. Getrunken wird primär aus einer fast identischen Kopie. Aber auch das Original wurde im Museum nicht nur geschützt.
Dieser späte Eingriff in ein Museumsobjekt ist nur denkbar, weil die Burgunderschale nach wie vor mehr ist als ein historisches Exponat. Sie ist sowohl Symbol der Liestaler Gemeinde und ihrer heldenhaften Geschichte – zelebriert im Trinkritual – als auch ein konserviertes Museumsobjekt.
Damit versuchte er die Form der Schale zur Zeit gerade nach ihrer Erbeutung zu rekonstruieren, als die Sieger den Schalenrand gravierten und ihr Wappen auf dem Boden anbrachten. Tatsächlich fanden auch diese Veränderungen an der Schale später statt. Die Schichten ihrer Geschichte überlagern sich auch in dieser vermeintlich historisch genaueren Kopie.



