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Sasha
Story aus Silberschale
Silber am Hof

Die Tische des Herzogs waren prachtvoll geschmückt. Silberne und goldene Schalen, Becher und Kelche waren dabei weit mehr als wertvolles Geschirr.

Vorheriges Kapitel in verwerten
Wägen und Einschmelzen

Silber ist eine Wertanlage. Der burgundische Silberschatz wurde deshalb grösstenteils eingeschmolzen und verkauft.

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Die Schale des Herzogs

Die Burgunderschale ist mit einem ungewöhnlichen Portrait versehen – ein Bildnis des burgundischen Herzogs?

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Heidnische Hüte

Schweizer Propaganda verglich Karl den Kühnen oft mit Sultan Mehmed II. – dem Sinnbild des gewaltvollen, ‹fremden› Herrschers.

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Eroberte Flaggen – Objekte der Ehre

Von Fahnen und Ehre

Fahnen repräsentierten auf dem Schlachtfeld und im öffentlichen Raum wichtige Persönlichkeiten, etwa die burgundischen Herzöge.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit waren Fahnen wichtige Symbole der Identität. Bei städtischen Festen verkündeten sie allen Anwesenden, wer da war. Auf dem Schlachtfeld dienten sie der Truppenorganisation: Die Truppe hatte sich unter ihrer jeweiligen Fahne zu versammeln. Dadurch wurden Fahnen zu symbolträchtigen und hoch geschätzten Objekten, die oft aus glitzernder Seide und funkendem Metall hergestellt wurden, wie im Fall der Herzöge von Burgund. Der Glanz dieser im Wind wehenden Flaggen verstärkte die Aura und Strahlkraft des burgundischen Herrschers und seines Gefolges.

Auch im wimmelden Menschenscharren sorgten Banner ud Fahnen für Sichtbarkeit.

Sowohl in der Schlacht als auch in Bildern wie Diebold Schillings «Berner Chronik» machten Fahnen die Geschehnisse verständlich und ermöglichten es sowohl Soldaten als auch Leser:innen, das Geschehen zu verfolgen.

Zeichen der Demütigung

Flaggen symbolisierten nicht nur Identität, sondern auch Triumph und Niederlage.

Diese Handschriftillustration zeigt, wie Karl der Kühne die Bürger von Gent demütigt. Sie knien in Unterwäsche vor ihm und sind gezwungen, die Fahnen der städtischen Zünfte abzugeben.

Flaggen und Banner spielten im späten Mittelalter eine wichtige symbolische Rolle bei der Darstellung von Machtverhältnissen. Sie konnten beispielsweise dazu dienen, festliche Einzüge anzukündigen oder die Harmonie zwischen Bevölkerung und Herrschenden zu demonstrieren, wenn Flaggen nebeneinander gehisst wurden. Umgekehrt symbolisierte die Übergabe von Flaggen nach einem Konflikt Demütigung und Niederlage.

Eine zwiespältige Abbildung im Berner Schilling zeigt, wie die Eidgenossen Fahnen und andere Kostbarkeiten aus dem Holzhaus Karls des Kühnen entwenden, die sie ihrem Verbündeten, dem Herzog von Lothringen, nach dem Sieg geschenkt hatten. Die Grenzen zwischen Demütigung, Sieg und Gier waren nicht immer eindeutig.

Beten unter Beute

Sakrale Siege

Die Eidgenossen hängten im Kampf erbeutete Fahnen in Kirchen auf, wo sie zu quasi-heiligen Gegenständen gemacht wurden.

In Diebold Schillings illustrierter Chronik tragen die Berner triumphierend burgundische Fahnen ins Münster, die Pfarrkirche ihrer Stadt.

Wenn die Eidgenossen auf dem Schlachtfeld Fahnen erbeutet hatten, hängten sie diese in ihre Kirchen. Gott hatte ihnen ja den Sieg geschenkt. Aus militärischen Feldzeichen machten die Eidgenossen Siegeszeichen. Jährliche Feierlichkeiten zu bestimmten Schlachten waren Anlässe, bei denen die Gemeinschaft sich mit den Heldentaten der Vorfahren verbinden konnte. Diese hatten einen gemeinsamen Feind besiegt und dessen Fahnen nach Hause gebracht.

Eroberte Fahnen wurden hauptsächlich in der Wasserkirche aufgehängt.

Der Basler Kaplan Johannes Knebel berichtet, dass nach der Schlacht bei Murten im Jahr 1476 «die Basler voller Freude zurückkehrten […] durch Gottes Gnade, und sie brachten ihr Banner mit einem Schwalbenschwanz sowie ein weiteres goldenes mit […] sie alle betraten die Basler Kirche und knieten nieder – insbesondere die Fahnenträger und Ritter – auf den Stufen in der Mitte des Chors vor dem Altar und dankten Gott, der Heiligen Jungfrau Maria und den 10.000 Märtyrern für diesen wundersamen und großen Triumph und Sieg, der ihnen vom Himmel gewährt worden war.» Solche Rituale stärkten den Zusammenhalt der Gemeinschaft und vermittelten ein historisches Bewusstsein. In Zürich hing ein Grossteil der erbeuteten Fahnen in der Wasserkirche.

Geschichte inszenieren

Bei «Schlachtjahrzeiten» wurden in der Kirche Berichte über Schlachtsiege und die Namen von Soldaten verlesen, um die Erinnerungen an vergangene Siege für die versammelte Gemeinde lebendig zu halten: Geschichten wurden propagiert und verklärt. Die von der Decke hängenden Fahnen waren wie Reliquien: blutbespritzte Erinnerungsstücke für hart erkämpfte Siege der Vorfahren.

Die Fresken, die im 17. Jahrhundert an den Wänden der Franziskanerkirche in Luzern gemalt wurden, vermitteln einen Eindruck davon, wie einst Banner hingen und den Gottesdienstraum schmückten.

Die Fahnen waren öffentliche Symbole, die Geschichte greifbar und präsent machten. Wenn Berichte über die Schlacht von der Kanzel verlesen wurden, konnte sich die versammelte Gemeinde die Schlacht lebhaft vorstellen und ihrer gedenken, indem sie zuhörte und die Fahnen betrachtete, die als Siegestrophäen und Relikte dienten. Diese Zeremonien bildeten manchmal die Grundlage für spätere illustrierte Geschichtswerke, sogenannte Chroniken.

In Darstellungen des Schlachtenchaos ist es ohne die Hilfe von Fahnen schwer zu erkennen, wer Freund und wer Feind ist – sie machen die Erzählungen so besser lesbar.

Wenn erbeutete Fahnen in Kirchen präsentiert und mit ihnen Geschichten erzählt wurden, liessen sich Erzählungen von Freund und Feind leichter artikulieren: Mehrdeutigkeiten konnten zugunsten klarer Definitionen und Unterscheidungen ausgelöscht werden.

In dieser Hälfte der Darstellung der Schlacht bei Murten im Luzerner Schilling lassen sich aber die kriegführenden Parteien dank ihrer Banner leicht identifizieren.

Von Siegen und Singen

Die Siege bei Murten und Grandson wurden in Liedern verewigt und weitergegeben mit einer einfachen Botschaft, die unterschiedliche Stimmen vereinte.

«Jeglicher trug sin Paner starck/ Dahinden sich auch nieman verbarg/ Sy hatten Mannes Mute/ Menglich gedacht in sinem Sinn: das Lied von der Murtenschlacht lädt jeden Genossen ein, mitzusingen und mitzumachen.»

Neben Gedenkfeiern in Kirchen waren Lieder eine beliebte Form, den Sieg über die Burgunder zu feiern. Veit Webers Lied über die Schlacht bei Murten vermittelt zum Beispiel eine einfache Botschaft, die unterschiedliche Stimmen vereint. Wie die lokalen Fahnen, die Weber beschreibt, konnte das Singen unterschiedliche Orte zusammenbringen, ohne dass diese ihre Autonomie verloren. Fahnen waren für die Eidgenossen ebenso wie polyphone Melodien ein wirkungsvolles Mittel, lokalen Patriotismus zu pflegen und trotz politischer Spaltungen an einen kollektiven Sieg zu erinnern.

Veit Webers «Das Schlachtlied von Murten», veröffentlicht um 1900.

Zerfallende Fahnen - zerfallende Erinnerungen?

Fragile Gewebe

Fahnen zerfallen schnell. Um die Erinnerung an die Trophäen zu bewahren, begannen die Eidgenossen, Kopien anzufertigen.

Auf dem Schlachtfeld beschädigt, in Kirchen aufgehängt: Das Leben einer Fahne war kurz. Dennoch waren diese brüchigen Objekte unmittelbare Zeugnisse gewonnener Schlachten und Träger des historischen Gedächtnisses. Die Eidgenossen begannen daher, Kopien anzufertigen. Manche Kopien waren echte Repliken aus Stoff, oft aber wurden Fahnen abgezeichnet und in «Fahnenbüchern» verzeichnet – manchmal in Bewegung dargestellt, manchmal als flach ausgelegte Zeichen. Die mediale Übersetzung in eine Zeichnung ermöglichte so den Erhalt vergänglicher Erinnerungen aus Stoff.

Die Fahnen im Zeughaus worden in Zürich zwei mal kopiert: 1699 und 1747.

In Zürich wurden die Fahnen im Zeughausinventar abgemalt. Diese Kopien vermitteln dauerhafter als die Originale, wie die nun zerfallenen Fahnen mal ausgesehen haben können. Hier finden wir unter anderen Zeichnungen von dem «Panner» Karls des Kühnen.

Skizzen und Unterlagen im Depot werden zusammen mit den Fragmenten des burgundischen Banners aufbewahrt. Sie lassen vermuten, wie die Fahne einmal ausgesehen haben könnte
«Buchhaltung für die Ewigkeit»: das Luzerner Fahnenbuch.

In Luzern hingen die erbeuteten Fahnen in der Franziskanerkirche. Im 17. Jahrhundert wurden sie in einem Fahnenbuch abgemalt. Das Fahnenbuch diente als Vorlage für weitere Kopien. Zuerst wurden die Fahnen an den Kirchenwänden gemalt. Später ersetzte man sie durch bemalte gewölbte Holztafeln, die den Eindruck erwecken sollten, dass die Fahnen in der Luft hingen und wehten. Man suchte stets nach Lösungen, um die Erinnerungskultur lebendig zu halten.

Gebrauchskopien?

Diese «Gebrauchskopie» von Anton «dem Bastard» von Burgund ist auf schlichtem Leinen gemalt, statt auf feiner Seide vergoldet und mit Metallfäden verziert.

Flatternde Ersatzstücke

Eine besondere Art von Kopie ist als Gebrauchskopie bekannt – dabei handelt es sich um Kopien auf Stoff, die die Objekte materiell ersetzen konnten, obwohl sie nicht so aufwendig verziert waren. Im Bernischen Historischen Museum wird eine Fahne, die Anton von Burgund zugeschrieben wird, seit den 1940er Jahren als eine dieser sogenannten Gebrauchskopien gekennzeichnet.

Handelt es sich bei dieser «Zeltfahne» um eine Kopie, ein Original, oder eine Mischform?

Im Gegensatz zu gezeichneten Reproduktionen von Fahnen konnten sich Gebrauchskopien aus Stoff noch bewegen und wehen. Sie behielten in der Hinsicht wichtige Eigenschaften von «Pannern» und «Venli», die in die Schlacht getragen worden waren.

Verzerrungen im Bild und in der Zeit

Welche Erinnerungen sind echt?

Als die erbeuteten Fahnen zerfielen und die unmittelbaren Erinnerungen an die Siege auf dem Schlachtfeld verblassten, wurden die beschädigten Trophäenbanner vervielfältigt. Verschiedene Orte der Eidgenossenschaft liessen Zeichnungen ihrer Beutefahnen in Büchern anlegen, als historisches Verzeichnis ihrer Siege. Manchmal zeichneten sie die Fahnen in Bewegung, andere flach und beinahe zweidimensional. Die mediale Übersetzung in eine Zeichnung ermöglichte so den Erhalt von vergänglichen Erinnerungen aus Stoff. Diese Erinnerungen und damit auch die mediale Übersetzungen waren aber nie ganz genau.

Darstellungen von Siegestrophäen wie Fahnen sind auch Inszenierungen, die eine Fiktion erzählen. Dabei werden manche Details verzerrt.

Die Inventare in den Zürcher Zeughausbüchern zeigen, wie Verzerrungen oder Abweichungen von Objekten wie den burgundischen Bannern weitergegeben werden. Die burgundische Fahne, die hier den Fokus bildet, wird zum Beispiel schon im 17. Jahrhundert mit runden Ecken dargestellt, obwohl sie höchstwahrscheinlich viereckig war.

Fahnen werden in Inventaren kopiert. Kann man der Genauigkeit dieser Erfassungen vertrauen?
Zwischen 1699 und 1747 scheint sich die kleine «Zeltfahne» Karls des Kühnen deutlich vergrössert zu haben.
Eine Skizze und Unterlagen werden im heutigen Depot mit den Fragmenten des burgundischen Banners aufbewahrt. Heute wird vermutet, dass die Fahne eher so aussah.

Diese Kopien von Kopien von Kopien – also Kopien über mehrere Generationen – werfen die Frage auf: Welche Erinnerungen sind echt – und wie echt sind sie?

Heute ist die burgundische Fahne mit St. Christophorus im Nationalmuseum zum Beispiel nur als Fragment überliefert – genau wie die andere burgundische Fahnen, die noch in Schweizer Museen aufbewahrt werden. Wie bei dem Banner mit den Wappen Karl des Kühnens, können wir heute nur erraten, wie die einst mal tatsächlich aussahen.

Ein fragmentarisches Erinnerungsstück: Der Zerfall der Banner lässt uneindeutige Spuren.

Im Fahnenbuch von Luzern, das selber mehrmals kopiert wurde, finden wir auch zerfetzte Fahnen abgebildet. Als Banner sind sie nicht mehr zu erkennen, aber sie erscheinen trotzdem als Zeichen hart erkämpfter Siege und vollständig besiegter Feinde. Manchmal bieten auch Fragmente kraftvolle Aussagen. Aus dem Fragment können neue Narrative und Überschreibungen entstehen.

Zerrissene Erinnerung im Luzerner Fahnenbuch.

Von der Kirche ins Zeughaus bis ins Museum

Von der Kirche zur Waffenkammer: Hallen der Helden?

Im 16. Jahrhundert verlagerte Zürich seine Fahnen von der Kirche ins Zeughaus, wo sie inventarisiert, ausgestellt und aufbewahrt wurden.

Das Zeughaus in Zürich.

1528 verlegte die Stadt Zürich ihre Fahnen von der Wasserkirche zunächst in speziellen Kisten ins Rathaus und dann ins Zeughaus, wo sie inventarisiert, aufbewahrt und ausgestellt wurden. Zur Ausstellung der Beutefahnen in der Kirche äusserte sich der Reformator Heinrich Bullinger wie folgt: «Es wurde auch als christlich, freundlich und aufrichtig angesehen, die Zeichen sichtbar auszustellen und sie sogar öffentlich hängen zu lassen, wodurch täglich neue Ressentiments geschürt wurden.» Mit dem Umzug ins Zeughaus erhielten die Fahnen einen neuen profanen und militärischen Kontext.

Aussgestellte Fahnen, Rüstungen und Waffen im Waffensaal des Zeughauses im Leuenhof.

Das Zeughaus zog mehrmals um. Diese Radierung aus dem 19. Jahrhundert zeigt die Ausstellung im Waffensaal im Leuenhof. Die vom Maler Ludwig Vogel, der für seine patriotischen Darstellungen der Schweizer Geschichte bekannt war, entworfene Ausstellung im Leuenhof sollte die Besuchenden inspirieren und begeistern, indem sie die Geschichte lebendig werden liess.

Das Zeughausareal in Zürich 1896.

Im 19. Jahrhundert siedelte das Zeughaus nach Aussersihl in ein neues, modernes Kasernenareal über. Die burgundischen Fahnen zogen mit und wurden als Trophäen in pompösen Displays an den Wänden ausgestellt.

Fahnen im Zeughaus in Ausersihl, darunter burgundische Banner – vier Jahrhundert nach den Burgunderkriegen.

Nationales Bewusstsein schaffen: Das Museum als Ort der Erinnerung

In den 1880er Jahren brach ein Wettbewerb zwischen Schweizer Städten darüber aus, welche Stadt ein neues nationales Geschichtsmuseum bauen würde, wobei Zürich den Zuschlag erhielt. Der Architekt Gustav Gull entwarf das Schweizerische Nationalmuseum, das 1898 eröffnet wurde. Die burgundische Fahne zog nun vom Zeughaus ins Museum.

Nationalgedächtnis im Aufbau: Das Landesmuseum in Zürich entsteht.

Herzstück und Höhepunkt der Museumsgestaltung war die sogenannte Ruhmeshalle, in der Waffen, Rüstungen und Fahnen ausgestellt waren, die an die glorreichen Erfolge der Schweizer Militärkampagnen – darunter die Burgunderkriege – erinnerten. Auf diese Weise wurde eine verklärte Version der Geschichte präsentiert, die die Konflikte innerhalb der Schweiz verschleierte.

Die glorreiche Geschichte der Schweiz wird im neuen Nationalmuseum vor Augen geführt.

Banner wie die burgundische Fahne bildeten einen zentralen Bestandteil der Ausstellung in der Waffenhalle, die Elemente früherer Ausstellungen im Zeughaus mit einer sakralen Architektur verband – eine Reminiszenz an die Zeit, als die Fahnen noch in der Wasserkirche hingen.

Requisiten eines Panoramas

Virtual Battle: Fahnen als Zeugen der Schlacht im Murten Panorama

1894 eröffnete in Zürich ein aufregendes Panorama der Murtenschlacht, gemalt von Louis Braun. Fahnen machten das dargestellte Kampfgetümmel lesbar.

Louis Braun war einer der erfolgreichsten Panoramamaler seiner Zeit. 1894 eröffnete in Zürich seine Darstellung der Murtenschlacht. Das Panorama war ein Format, das Betrachter*innen vollständig umgab. Braun recherchierte historische Objekte wie Fahnen, um historische Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Fahnen waren wichtige Bildelemente, da sie es den Betrachtenden ermöglichten, die Akteure im Kampfgeschehen zu identifizieren. Braun nutzte daher Fahnenbücher, um seine Schlachtszenen zugleich authentisch und lesbar erscheinen zu lassen, auch wenn viele Aspekte davon von Fantasie durchdrungen waren.

Das Panorama am Utoquai am Zürichsee war eine privat finanzierte Initiative, die sowohl darauf abzielte, Gewinn zu erzielen, als auch patriotische Gefühle zu wecken.

Eine Forschungsgruppe an der EPFL in Lausanne hat einen extrem hochauflösenden Scan von Brauns Panorama erstellt, der es den Betrachtenden ermöglicht, diese stark vermittelte Darstellung der Geschichte neu zu erkunden.

In der Ausstellung «Murten Ausgeschlachtet: Ein Sieg wird in Szene gesetzt» (2026) im Historischen Museum Bern konnten Besucher das digitale Panorama erkunden sowie Skizzen von Braun, Teile des originalen Panoramagemäldes und ein Modell des Panoramagebäudes besichtigen, das veranschaulichte, wie der Besucher des 19. Jahrhunderts das «virtuelle» Medium der Epoche erlebt haben könnte, das den Betrachter mitten ins Schlachtgeschehen versetzte.

Fahnen und Tänzerinnen

Nationales Fahnenschwingen

Zu bestimmten Momenten der Geschichte wuchs erneutes Interesse an erbeuteten Fahnen, zum Beispiel im 19. Jahrhundert nach der Gründung der Schweiz 1848, wo sie in Festspiele integriert waren.

Das Festalbum zu den Nationalfeiern in Bern und Schwyz 1891.

Im 19. Jahrhundert waren üppige historische Festspiele beliebt. Städte, ebenso wie die neu gegründete Nation konnten so Erzählungen über ihre Vergangenheit inszenieren. Die Burgunderkriege waren oft Thema dramatischer Aufführungen.

«Ihr Memmen, bleibt»: eine Schlacht wird in Szene gesetzt. Die ehemalige Eidgenossenschaft dient als Modell für die neugegrundete Nation.
Fahnen dienen – wie damals in den Schilling-Chroniken – dazu, das Geschehen auf der Bühne lesbar zu machen. Der Sieg wird mit der Erbeutung der burgundischen Banner verkündet.
Die Besetzung der wichtigen historischen Rollen.

Aufwendige Kostüme sowie Nachbildungen erbeuteter Fahnen wurden von den Teilnehmenden als Mittel zur Darstellung der Vergangenheit mitgeführt.

Die Vergangenheit wird durch Performancen verlebendigt: hier die Schlacht von Murten in Bern 1891.

Da Fahnen in ihrer Symbolik leicht erkennbar waren, ermöglichten sie es einem grossen Publikum, die Akteure des historischen Dramas zu identifizieren. Sie verliehen auch fiktive historische Glaubwürdigkeit.

Auch heute noch ist das Fahnenschwingen ein Skill, der bei Veranstaltungen wie dem 32. Eidgenössischen Jodlerfest, das im Juni 2026 in Basel stattfand, zur Schau gestellt wird. Beim Zusehen der Fahnenschwinger:innen bekommt man ein Gefühl dafür, wie Fahnen als Objekte nicht nur bei ihrer Bewegung lebendig wirkten, sondern auch Training erforderten, um mit Schwung gehandhabt zu werden.

Geistige Landesverteidigung

Geistige Landesverteidigung? Schweizerische Abgrenzung im zweiten Weltkrieg

1942 veröffentlichten Albert und Berty Bruckner ihr umfassendes Werk, das Schweizer Fahnenbuch, das bis heute das Referenzwerk für die historische Fahnenforschung ist.

Die 1930er-Jahre brachten den kulturellen Impuls, die Schweiz von Nazideutschland abzugrenzen. Die sogenannte «Geistige Landesverteidigung» versuchte, eine schweizerische Identität zu stärken, die auf gemeinsamen «schweizerischen» Werten beruhte. Einige davon waren verknüpft mit dem Erbe der Siege über «fremde Tyrannen» wie die Burgunder und Karl den Kühnen.

1939 veröffentlichten der Verlag Eugen Haag mit Josef Gauch eine Fahnensammlung in Form von Postkarten, die alle Fahnen abbilden, die an den Wänden der Luzerner Franziskanerkirche gemalt waren.

In diesem Zusammenhang wurden Fahnen zu einem Mittel der Identitätsbildung. Sie wurden Teil von Büchern, Postkarten und Texten, welche die vergangenen Siege der Schweiz einem breiten Publikum vermittelten.

Aufbewahren und Verdecken

Verstecken der Gewalt

In der Nachkriegszeit sahen die Schweizer Geschichtsmuseen vergangene militärische Siege nicht mehr als Priorität an: eher das Gegenteil!

Die Nachkriegs-Ausstellung in der Waffenhalle des Schweizerischen Landesmuseums war deutlich zurückhaltender gestaltet als das ursprüngliche Konzept aus dem 19. Jahrhundert.

Während in den 1930er Jahren die Schweizer Militärgeschichte und die mittelalterlichen Siege über ausländische Mächte wieder verstärkt national propagiert wurden, wandte man sich in der Nachkriegszeit neuen Geschichten und Erzählungen über die Schweizer Identität zu. In historischen Museen wie dem Landesmuseum in Zürich wurde die seit der Gründung des Museums zu sehende eindrucksvolle Ausstellung von Flaggen, Kanonen und Waffen gestrafft.

Zum Schutz der Fahnen werden sie flach in Schubladen aufbewahrt, um sie vor dem Zerfall zu schützen – wie hier im Fahnenstudienlager des Nationalmuseums in Zürich.

Die trophäenartige Präsentation von Militaria wich einem zurückhaltenderen Ausstellungsformat. Neutralität, Frieden und Kunsthandwerk wurden nun betont. Banner, die einst wehten, sind stillgelegt.

Bedeutet Konservieren verstecken?

Fahnen wurden in der Nachkriegszeit zunehmend vor Licht und Luft geschützt aufbewahrt und nicht mehr den Museumsbesuchenden zur Schau gestellt.

Fahnenaufbewahrung in den 1950er Jahren im Landesmuseum in Zürich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Beutefahnen eingelagert, um sie vor Licht und Luft geschützt besser zu konservieren. Sie standen nicht mehr im Zentrum musealer Erzählungen. Diese empfindlichen Objekte, die jahrhundertelang Teil der öffentlichen Ausstellung und des öffentlichen Bewusstseins gewesen waren, spielten nun keine so prominente Rolle mehr im Schweizer Kulturerbe. So wurden sie zwar besser konserviert, verschwanden aber auch aus dem öffentlichen Leben. Politische Prioritäten veränderten sich. Der Umgang mit fragilen Objekten im Museum hat sich aber auch geändert.

«Diese burgundische Fahne scheint sich in ausgezeichnetem Zustand zu befinden – doch das liegt nur daran, dass sie im 19. Jahrhundert ‹restauriert› (und grösstenteils neu angefertigt) wurde.

Im 19. Jahrhundert hat man versucht, die Fahnen zu «restaurieren», das heisst, sie in einen möglichst vollständigen, glanzvollen Zustand zurückzubringen. Sie wurden damals noch stolz präsentiert und oft noch aufgehängt, wie damals im Zeughaus und in der Kirche.

Die burgundische Fahne heute im Fahnendepot des Landesmuseums.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderten sich die Ansätze des Aufbewahrens stark. Anstatt eine fiktive Ganzheit herzustellen, sollte die Vergangenheit an Objekten prinzipiell sichtbar bleiben. Nun wurde fachlich vom Konservieren und nicht mehr vom Restaurieren gesprochen. Konservierungsmassnahmen sollten reversibel sein. Im Landesmuseum wurde heftig geforscht und debattiert, mit welchen Methoden man bezüglich der Fahnensammlung arbeiten sollte. Sollte man sie waschen, um sie zu glätten? Sollte man sie verkleben? Soll die Vergangenheit noch aktiv wehen? Oder bleiben sie besser geschützt, aber unsichtbar aufbewahrt? Wie soll man mit diesen heiklen Sammlungen heute – und in Zukunft – umgehen?

Pflegen der Geschichte: Fahnenbegleiterinnen?

Fahnenbegleiterinnen

Auf Diebold Schillings Darstellung des Zuzuges nach Mulhouse im Jahr 1468 begleiten Frauen eine eigenossische Fahne.

Geschichten über das Schweizer Militär drehen sich um Männer. Aber wenn wir genauer hinschauen, finden wir auch Frauen – insbesondere als Begleiterinnen von Fahnen.

Der militärische Bereich war ein Umfeld, in dem männliche Identitäten geformt und verbreitet wurden. Dennoch waren auch Frauen in militärische Aktivitäten einbezogen und erscheinen dementsprechend in Wort und Bild. Archivquellen aus Basel berichten sogar von Frauen, die in Murten auf der Seite des Feindes im Einsatz waren. So wurde dargestellt, wie sie männliche Truppen als Fahnenträgerinnen begleiteten. Der Status dieser Frauen ist jedoch kaum bekannt.

Wer waren diese Gestalten, die mit Bannern marschierten?

Pflegerinnen der Geschichte

In Schweizer historischen Museen waren Museumskuratoren meist Männer. Frauen wurden eingestellt, um Textilobjekte – darunter Fahnen – zu pflegen.

1958 wurde die Tausendblumen-Tapisserie im Garten des Bernischen Historischen Museums gewaschen. Frauen führen die Arbeit aus. Florens Deuchler, der das autoritative Werk zur Burgunderbeute verfasste, schaute zu. Auch Fahnen wurden gewaschen, allerdings nicht draussen.

Frauen wie Mechthild Flury-Lemberg wurden in der Nachkriegszeit zu führenden Persönlichkeiten bei der Entwicklung des Fachgebiets der Textilkonservierung. Dieses Fachgebiet ist bis heute stark geschlechtsspezifisch geprägt: Die Mehrheit der Textilkonservator*innen sind Frauen. Diese Fachfrauen kümmern sich um die Überreste der Schweizer Fahnenbestände. Die Bewahrung dieses Teils der Schweizer Geschichte liegt somit überwiegend in weiblichen Händen – obwohl Frauen in den Darstellungen der Schweizer Militärgeschichte nur eine marginale Rolle spielen. Auf der kuratorischen Seite war Jenny Schneider die erste «Sammlungs-Konservatorin» (im Gegensatz zur «Restauratorin») am Schweizerischen Landesmuseum ab 1961. Von 1982 bis 1986 übernahm sie die Direktion des Museums.

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Beute in der Bibliothek

Bücher, Steine, Tierpräparate, ethnologische Artefakte, archäologische Funde und Beuteobjekte wurden katalogisiert und ausgestellt.

Nächstes Kapitel in verordnen
Die Angst vor Ungeziefer

Die Sorge um eine gute Aufbewahrung der erbeuteten Textilschätze zeugt von ihrer wachsenden Bedeutung als Kulturerbe.

Sasha
Story aus Cäsartapisserie
Ein Erbe mit Löchern

Der Zustand der erbeuteten Textilien wurde zum Politikum. Der «Zahn der Zeit» fresse Löcher in das Kulturgut, hiess es.

Sasha
Story aus Cäsartapisserie
Frauen stopfen die Löcher der Geschichte(n)

Textilien zu erhalten ist bis heute weitgehend Frauensache.

Sasha
Story aus Cäsartapisserie
Lässt sich ein Alterungsprozess verlangsamen?

Licht und dauerhaftes Hängen schaden textilen Geweben. Aufgerollt im dunklen Depot sind diese zwar gut konserviert, verschwinden aber aus dem kulturellen Gedächtnis.

Nächstes Kapitel in vervielfältigen
Löcher in der Geschichte stopfen

Kopien von Trophäen vervollständigten im 19. Jahrhundert die unvollständige mittelalterliche Überlieferung und unterstützen grosse Geschichtserzählungen.

Sasha
Story aus Harnisch
Mit Geschichte rüsten

Im Berner Zeughaus wurde die Berner Rüstung als Stahlkleid des mythischen Stadtgründers inszeniert.

Nächstes Kapitel in verwerten
Beute rezyklieren

Eine erbeutete Rüstung aus dem 15. Jahrhundert soll Berchtold V. gehört haben? Diese spätere Wiederverwertung erscheint aus heutiger Perspektive fragwürdig…

Sasha
Story aus Harnisch
Aus Altem und Neuem wird Geschichte

In Bern wurde Geschichte immer wieder in Strassenumzügen inszeniert. Kostüme bestanden aus tatsächlichen Trophäen und vielerlei Nachbildungen.

Sasha
Story aus Harnisch
Ohne Namen

Einige Objekte aus der Burgunderbeute haben tatsächlich keine lückenlos geklärte Herkunft. Auch der Weg des Harnisches nach Bern liegt im Dunkeln. Die Beutegeschichte ist lediglich eine begründete Annahme.

Nächstes Kapitel in verklären
Besonders begehrte Beutestücke

Beutestücke mit dem Wappen Karls des Kühnen waren besonders begehrt. Die Machtzeichen des Herzogs wurden in den Händen der eidgenössischen Sieger zu Zeichen ihres Triumphes.

Sasha
Story aus Geschützrohr
Frauen am Rande der Geschichte

Das Geschützrohr kennt man bis heute als Burgunderbeute, andere Formen von Kriegsbeute sind in Vergessenheit geraten.

Sasha
Story aus Geschützrohr
Die Glocke schlägt, die Kanone spricht

Glocken wie Kanonen konnten mit ihrem Klang drohende Gefahr ankündigen oder auch Feierlichkeiten markieren. Beide gehörten zur spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Klanglandschaft, sowohl im Krieg als auch im Frieden.

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