

Wie von tausend Lichtern erhellt: die glänzenden Herzöge von Burgund
Edelsteine spielten eine zentrale Rolle in der Selbstdarstellung der Herzöge. Indem diese sich mit den kostbarsten Steinen schmückten, ließen sie sich in einem göttlichen Glanz erstrahlen.
Juwelen waren nicht nur wertvolle Handelswaren, sondern galten auch als wunderbare Schöpfungen Gottes
Juwelen wie die «Drei Brüder» verliehen den Herzögen somit eine Aura der Tugendhaftigkeit – und zugleich des Reichtums und der Macht.
Die neuen eleganten Formen der spektakulären burgundischen Juwelen wie die «Drei Brüder» wurden über Generationen als Erbstücke weitergegeben.
Berühmte Schmuckstücke, die mit den teuersten Steinen besetzt waren, trugen oft eigene Namen, wie eben die «Drei Brüder». Solche Juwelen erscheinen häufig in Porträts der burgundischen Herzöge, wodurch Glanz mit Dynastie verbunden wurde. Zwar finden sich die «Drei Brüder» in keinem dieser Porträts, doch belegen Archivaufzeichnungen und Inventare ihren aussergewöhnlichen Wert. Die «Drei Brüder» wurden 1398 vom Pariser Goldschmied Hermann Ruissel für Karls Urgossvater Philipp den Kühnen angefertigt und fanden später Eingang in ein Inventar seines Grossvaters, Johann Ohnefurcht.

Beute war ein zentraler Bestandteil der vormodernen Kriegsökonomie – sie diente dem Finanzieren des Krieges, aber auch anderen Investitionen.
Beutestücke zu Geld zu machen war Teil der gängigen Praxis, Kriegsbeute in lokale Wirtschaftskreisläufe einzubringen. 1502 beschlossen die Basler Ratsherren, die Juwelen zu verkaufen, die sie nach Grandson an sich genommen hatten – darunter auch die «Drei Brüder», um Schulden auszugleichen. Sie hielten sie den Verkauf geheim.
Lebensgroße Aquarelle der Schmuckstücke wurden angefertigt, um Käufer zu gewinnen. Dank dieser Zeichnungen wissen wir heute, wie die Juwelen aussahen.
1504 kauften Jakob Fugger («der Reiche») und seine Brüder das Konvolut für stolze 40.700 Gulden.
Basel hielt den Verkauf der Juwelen jahrhundertelang geheim
Basel hielt seine Rolle beim Verkauf der Juwelen jahrhundertelang geheim. Die Details waren zwar gut dokumentiert, jedoch wurden die Unterlagen im Stadtarchiv versteckt.
Die Lücke in den historischen Aufzeichnungen – und die Rolle Basels beim Handel mit den kostbaren Juwelen Karls des Kühnen – blieben verborgen, bis Historiker im 19. Jahrhundert die Dokumente und später auch die Zeichnungen entdeckten, die für den Verkauf der Edelsteine angefertigt worden waren. Auf diese Weise wurde künstlich eine Lücke in den historischen Aufzeichnungen geschaffen und bis ins 19. Jahrhundert aufrechterhalten.
Im Basler Archiv jedoch sind noch Listen (u. a. «Beuterödel») zu finden, in denen die Beute von Grandson verzeichnet und verteilt wird. Das finden wir, z.B. eine Silberschale, mit einem geschätzten Wert:
«koufflüt[…]Conrat scherer von örenstetten[…] doruf hetEr gelöset iii gulden und hetUs silber gelöset iii lb [liber] desHet er sins einen gelz uspiltVii lb»
Die Basler hielten auch ihre Ausgaben in den Burgunderkriegen im Detail in Listen fest. Die Zahlen waren hoch. Der Verkauf der Juwelen Karls des Kühnen sowie die Verteilung der Beute unter den Zünften und einzelnen Bürgern der Stadt waren ein integraler Bestandteil der Kriegswirtschaft.

Um die Juwelen Karls des Kühnen gewinnbringend weiterzuverkaufen, präsentierten die Fugger sie den Habsburgern als vermeintliche Familienerbstücke.
Die Fugger investierten eine enorme Summe, in der Überzeugung, daraus Profit zu schlagen. Ihre idealen Käufer waren die Habsburger: Karls Tochter Maria von Burgund war mit Maximilian von Habsburg verheiratet. 1513, nach langen Verhandlungen, erwarben die Habsburger zwei der Juwelen – nicht jedoch die «Drei Brüder».
1555 liessen die Fugger zu Ehren der Habsburger ein prächtiges Manuskript anfertigen, den «Ehrenspiegel des Hauses Österreich». Darin zeichneten sie die Herkunft der burgundischen Juwelen nach. So betonten sie den symbolischen Glanz königlicher Juwelen.
Hutschmuck und Ketten betonten das Gesicht des Staatsoberhaupts. Die «Drei Brüder» konnten sowohl als Hutanstecker wie als Halskette getragen werden.
Für die Bilder im Ehrenspiegel, die angebliche Erbstücke der Habsburger Familie lobten, stützten sich die Fugger auf die Basler Verkaufszeichnungen.
Die Juwelen Karls des Kühnen, die in Grandson und Murten erbeutet wurden, sind heute nur noch dank der Verkaufszeichnungen bekannt. Sie wurden von den Baslern angefertigt, um die Kaufmannsfamilie Fugger aus Augsburg zum Kauf zu exorbitanten Preisen zu bewegen. Die Zeichnung der «Drei Brüder» wurde anschliessend auf Pergament kopiert für einen Entwurf des «Ehrenspiegels». In einer redigierten Fassung dieses Werks zu Ehren der Habsburger wurde die Zeichnung erneut kopiert. So entstand im Zusammenhang mit dem Juwelenverkauf eine Kette von Kopien, die sich immer weiter vervielfältigte.

Die «Drei Brüder» gelangten in den Besitz der englischen Krone und wurden dort zum Symbol des Königshauses – getragen von Königinnen und Königen.
Am englischen Hof diente das Tragen üppiger Juwelen der Darstellung königlicher Pracht. Heinrich VIII. war berühmt für seine Leidenschaft für prächtige Steine – eine Vorliebe, die er an seine Kinder weitergab. Eduard VI. erwarb die «Drei Brüder» und brachte sie nach England. Elisabeth I. ließ sich mehrfach mit dem Schmuckstück porträtieren. Später erscheint das Juwel auch in Porträts von Jakob I., der dieses von Elisabeth erbte. Das Tragen dieses Schmuckstücks unterstrich nun den Reichtum und die Kontinuität der englischen Krone.
Während des englischen Bürgerkriegs versuchten Karl I. und seine Frau Henriette Maria zweimal, das burgundische Juwel zu verkaufen.
1649 verlor Karl I. seine Krone und sein Leben.
Schon davor war das Schmuckstück zeitweise verschwunden: 1625 wurde es verpfändet und wieder eingelöst. 1642 brachte Königin Henrietta Maria die «Drei Brüder» auf den Kontinent, um sie zu verkaufen und damit Geld für die Armee ihres Mannes zu beschaffen.
In Den Haag fand sie keinen Käufer und kehrte mit dem Schmuck nach London zurück. Am englischen Hof hatte das Juwel eine symbolische Bedeutung – als Erbstück und als Verstärker der Aura der Krone. Im Pfandhaus und auf dem Markt jedoch machte gerade diese Geschichte den Verkauf schwierig: Er galt als «heisses» Objekt.
Im Verlauf des englischen Bürgerkriegs versuchen Charles und Henriette Maria, das Juwel zu verkaufen und in 1645 verschwand es: eine Lücke entstand.
Als es 1644 für das englische Königshaus schlecht aussah, floh Henrietta Maria nach Paris und übergab das Juwel dort den niederländischen Händlern Thomas Cletcher und Joachim de Wiquefort. Die letzten Spuren finden sich in Briefen aus dem Umfeld der Königin, die es im Besitz dieser Händler bezeugen. Sie hat es nie zurückgekauft. 1645 verlor sich die Spur der «Drei Brüder» – wahrscheinlich wurde das Juwel zerlegt, neu gefasst und weiterverkauft.

Die legendären burgundischen Juwelen, darunter die «Drei Brüder», sind verschwunden. Wie kann man eine Geschichte des verlorenen Erbes heute ausstellen?
Die Geschichte der Schmuckstücke Karls ist eine voller Glanz, Geheimnisse, Begierde und Verlust. Heute existieren die meisten seiner kostbaren Stücke nicht mehr – sie wurden geraubt, verpfändet, zerlegt oder verkauft. Wir kennen sie nur durch Nachbildungen, bzw. Kopien, die teils eigens angefertigt wurden, um ihr Verschwinden zu verschleiern. Wie lässt sich diese Geschichte dennoch zeigen? Historische und zeitgenössische Reproduktionen scheinen das verlorene Erbe erfahrbar zu machen, jedoch lässt sich die Lücke im Zentrum der Geschichte nie richtig füllen.
Im 19. Jahrhundert fertigten Wiener Mineralogen einen Gipsabdruck des «Florentiner» Diamanten an. Dieser konnte vermessen und mit anderen großen Diamanten verglichen werden, wie etwa dem berühmten Koh-i-Noor-Diamanten, den die Engländer aus Indien mitgebracht hatten. Ein Pariser Glaskünstler stellte die Kopie, die heute im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen ist, mit dem Gipsabdruck als Vorlage her.
Am Grab trägt heute Königin Elisabeth I. von England die «Drei Brüder». Das Juwel wurde erst in den 1970er Jahren hinzugefügt um den Eindruck von Authentizität zu erwecken.
Der goldene Hut Karls des Kühnen existiert heute auch nur noch als Kopie – ob der Burgundische Glanz so noch vermittelt werden kann?
Die vermeintlich verschollenen Juwelen der Habsburger – auch der «Florentiner» Diamant – sind 2025 in einer kanadischen Bank wieder ans Licht gekommen.
Im November 2025 tauchte plötzlich ein vermeintlich verlorener Diamant Karls des Kühnen in einer kanadischen Bank wieder auf: der «Florentiner». Nach seiner Abdankung 1918 war das letzte Kaiserpaar der Habsburger ins Exil gegangen – zunächst in die Schweiz und schliesslich nach Kanada, wo Kaiserin Zita einige kostbare Juwelen, darunter den als «Florentiner» bekannten Diamanten, in einer Bank versteckte. Ihre Kinder hatten geschworen, das Geheimnis über 100 Jahre zu bewahren. Nun ist der verschollene Stein wieder da. Doch wem soll er gehören – der Familie oder dem Österreichischen Staat?

Edelsteine wechselten oft die Hand. Besondere Stücke wurden von Herrschenden häufig verpfändet, um Geld zu beschaffen, oder von Rivalen erworben.
Wie heute hatten Juwelen in der Frühen Neuzeit nicht nur einen symbolischen Wert, sondern waren auch Handelswaren auf dem Markt. In Zeiten der Not konnten Monarchen ihren Schmuck verkaufen oder verpfänden – eine häufige Praxis, um schnell Geld zu beschaffen. Das geschah auch mit dem Juwel «Drei Brüder», das mehrmals verpfändet wurde.
Der Händler Thomas Cletcher aus Rotterdam übernahm zahlreiche Juwelen der englischen Krone in der Zeit vor der Revolution – darunter die «Drei Brüder» (die er möglicherweise neu schliff und in die «Drei Schwestern» umbenannte) sowie den berühmten Sancy-Diamanten. Beide stammten aus der Burgunderbeute und damit aus dem glanzvollen Besitz Karls des Kühnen. Cletcher war der letzte bekannte Besitzer der «Drei Brüder»; die englische Krone erlangte sie nie zurück. Er starb 1666.
Juwelen hatten unterschiedliche Bedeutungen: Sie waren Erbstücke, Wertanlagen und modische Accessoires – und Mode ändert sich ständig.
Mit der Einführung von gusseisernen Schleifrädern im 17. Jahrhundert entwickelten Diamantschleifer neue facettenreiche Formen wie den Rosen- und Brillantschliff, die einen erhöhten Glanz aufweisen.
Frühere Schmuckstücke wie die «Drei Brüder» weisen einfache Schliffe wie Spitze, Tafel oder Eselsrückenform auf.
Im 17. Jahrhundert wurden Fassungen schlichter, um die facettenreichen neuen Arten von Steinschliffen besser zur Geltung zu bringen. Als Henriette Maria die «Drei Brüder» an den Händler Cletcher verpfändete, war diese Mode längst im Wandel. Vielleicht erkannte Cletcher, dass sich die Steine einzeln besser verkaufen liessen, wenn er sie zeitgemäss neu schliff.

Schweizer Propaganda verglich Karl den Kühnen oft mit Sultan Mehmed II. – dem Sinnbild des gewaltvollen, ‹fremden› Herrschers.
Karl wurde als «Türke des Westens» dargestellt, als blutrünstiger Tyrann, gierig nach Macht, Luxus und Juwelen. Als die Fugger-Familie den Habsburgern 1555 ihren genealogischen «Ehrenspiegel des Hauses Österreich» überreichte, verglichen sie Karls prächtigen Hut mit dem juwelenbesetzten Helm Sultan Süleymans des Prächtigen.
Beide Objekte wurden später zerlegt, ihre Edelsteine sind verloren. Beide Hüte verklären den Blick auf die reale politische Lage.
Der Ruf Karls des Kühnen als blutrünstig, paranoid, sexuell unkonventionell und despotisch hielt über Jahrhunderte hinweg an.
Der Ruf Karls des Kühnen als grausamer, paranoider und ausschweifender Herrscher hielt sich über Jahrhunderte. Noch im 18. Jahrhundert verbanden Bilder und Texte den Herzog und seine Schätze mit einem «orientalischen Anderen». In einem Neujahrsdruck von 1745 ist das burgundische Lager bei Grandson fantasievoll mit Kamelen, Eseln und Männern «à la Turque» bevölkert. Aufklärerische Stimmen in der Schweiz behaupteten sogar, der Glanz der burgundischen Beute habe die männliche Stärke und Moral der Eidgenossen verdorben.

Edelsteine gelangten aus fernen Regionen nach Europa. Die ferne Herkunft veredelte ihren Ursprung und verlieh ihnen einen Hauch von Geheimnis und exotischer Fantasie.
Edelsteine kamen aus fernen Ländern und galten daher als geheimnisvoll und exotisch. Da Europa arm an Edelsteinen war, stammten sie aus Asien: Diamanten aus Indien, Rubine aus Birma, Lapislazuli aus Afghanistan. Ihre Seltenheit und der schwierige Transport machten sie besonders begehrenswert. Edelsteine galten als Boten ferner Paradiese, fremder Reiche und mächtiger Höfe. Um sie zu erwerben, mussten Händler große Distanzen überwinden und sich mit unbekannten Sprachen, Bräuchen und Märkten zurechtfinden. Edelsteine waren echte Globalobjekte.

