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Nächstes Kapitel in Banner
Geschichte inszenieren

Bei «Schlachtjahrzeiten» wurden in der Kirche Berichte über Schlachtsiege und die Namen von Soldaten verlesen, um die Erinnerungen an vergangene Siege für die versammelte Gemeinde lebendig zu halten: Geschichten wurden propagiert und verklärt. Die von der Decke hängenden Fahnen waren wie Reliquien: blutbespritzte Erinnerungsstücke für hart erkämpfte Siege der Vorfahren.

Vorheriges Kapitel in Harnisch
Trophäen nur für bärtige Schweizer?

In der Berner Waffenkammer standen Figurinen in alten Rüstungen sinnbildlich für die Herrschaftsstruktur und Vorstellungen von Manneskraft.

Vorheriges Kapitel in Diptychon
Gut organisierte Enteignungen

Die Obrigkeit konfiszierte aus ideologischen Gründen religiöse Objekte.

Nächstes Kapitel in Cäsartapisserie
Die Angst vor Ungeziefer

Die Sorge um eine gute Aufbewahrung der erbeuteten Textilschätze zeugt von ihrer wachsenden Bedeutung als Kulturerbe.

Nächstes Kapitel in Harnisch
Aus Altem und Neuem wird Geschichte

In Bern wurde Geschichte immer wieder in Strassenumzügen inszeniert. Kostüme bestanden aus tatsächlichen Trophäen und vielerlei Nachbildungen.

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Wägen und Einschmelzen

Silber ist eine Wertanlage. Der burgundische Silberschatz wurde deshalb grösstenteils eingeschmolzen und verkauft.

Die reiche Augsburger Familie der Fugger kaufte nach den Burgunderkriegen heimlich Beute aus Basel, darunter zwei kostbare Silberschalen, die wahrscheinlich eingeschmolzen wurden.

Auch andere Schriftquellen erwähnen zahlreiche kostbare Gefässe, die heute nicht mehr erhalten sind. In den Beuterödeln wurden silberne und goldene Stücke gemäss ihrem Gewicht und ihrem Geldwert geschätzt. Der symbolische und kunsthandwerkliche Wert der aufwendig gearbeiteten Stücke des burgundischen Hofes war dabei oft zweitrangig, auch weil so viele ähnliche Gefässe erbeutet wurden. Beispielhaft ist die folgende Liste aus Basel zum Beutegut aus Grandson und Lothringen (Nancy):

Viele silberne Schalen aus der Beute wurden verkauft und eingeschmolzen. Aus dem gewonnen Silber konnten neue Kunstwerke geschaffen oder Münzen geprägt werden. Einzelne Trophäen aber wurden als Erzählerinnen der Siegesgeschichte symbolisch wertvoll und entgingen dem Schmelzofen – so wie die Burgunderschale in Liestal.

Sakrale Siege

Die Eidgenossen hängten im Kampf erbeutete Fahnen in Kirchen auf, wo sie zu quasi-heiligen Gegenständen gemacht wurden.

In Diebold Schillings illustrierter Chronik tragen die Berner triumphierend burgundische Fahnen ins Münster, die Pfarrkirche ihrer Stadt.

Wenn die Eidgenossen auf dem Schlachtfeld Fahnen erbeutet hatten, hängten sie diese in ihre Kirchen. Gott hatte ihnen ja den Sieg geschenkt. Aus militärischen Feldzeichen machten die Eidgenossen Siegeszeichen. Jährliche Feierlichkeiten zu bestimmten Schlachten waren Anlässe, bei denen die Gemeinschaft sich mit den Heldentaten der Vorfahren verbinden konnte. Diese hatten einen gemeinsamen Feind besiegt und dessen Fahnen nach Hause gebracht.

Eroberte Fahnen wurden hauptsächlich in der Wasserkirche aufgehängt.

Der Basler Kaplan Johannes Knebel berichtet, dass nach der Schlacht bei Murten im Jahr 1476 «die Basler voller Freude zurückkehrten […] durch Gottes Gnade, und sie brachten ihr Banner mit einem Schwalbenschwanz sowie ein weiteres goldenes mit […] sie alle betraten die Basler Kirche und knieten nieder – insbesondere die Fahnenträger und Ritter – auf den Stufen in der Mitte des Chors vor dem Altar und dankten Gott, der Heiligen Jungfrau Maria und den 10.000 Märtyrern für diesen wundersamen und großen Triumph und Sieg, der ihnen vom Himmel gewährt worden war.» Solche Rituale stärkten den Zusammenhalt der Gemeinschaft und vermittelten ein historisches Bewusstsein. In Zürich hing ein Grossteil der erbeuteten Fahnen in der Wasserkirche.

Beute rezyklieren

Eine erbeutete Rüstung aus dem 15. Jahrhundert soll Berchtold V. gehört haben? Diese spätere Wiederverwertung erscheint aus heutiger Perspektive fragwürdig…

Um 1191, zur Zeit der sagenumwobenen Gründung von Bern, war der Plattenpanzer in dieser komplexen Form noch nicht erfunden.

Dem erbeuteten Harnisch eine völlig neue Geschichte anzuhängen, war für die Berner im 16. Jahrhundert eine sinnvolle Verwertung einer alten Rüstung. Militärisch konnte man sie nicht mehr verwenden. Einst ein luxuriöser Harnisch eines wahrscheinlich burgundischen oder savoyischen Adeligen, war sie unter den Trophäen und eigenen Rüstungen und Waffen im Zeughaus ein seltenes Stück, aber eines ohne Geschichte. Damit bot er sich an für die Ausstattung der Berchtold-Figurine. Diese historische Überschreibung gehört also zur Geschichte des Harnisches und ist mehr als nur eine «falsche» Zuschreibung.

Aus einem Schatz wird Geld

Im reformierten Bern wurden konfiszierte Ritualgeräte aus den Klöstern eingeschmolzen, vor allem um Münzen zu prägen.

Im Auftrag der Obrigkeit bearbeiteten Goldschmiede die kirchlichen Geräte.

Der Berner Maler und spätere Reformator Niklaus Manuel malte hier den heiligen Eligius in einer spätmittelalterlichen Goldschmiedewerkstatt.

Sie trennten Gold und Silber und schmolzen es zu Silber- und Goldbarren für die Münzprägung. Das hatte einen doppelten Zweck: Die Gerätschaften des altgläubigen, also katholischen, Kults wurden zerstört und unbrauchbar gemacht. Das so gewonnene Silber aber konnte – in Form von Geld – für soziale Zwecke wie die Speisung von Armen und Kranken verwendet werden. Aus den eingeschmolzenen Objekten aus Königsfelden gewann man mindestens 32 Kilogramm Silber.

Die Obrigkeit sortiert aus

Die Obrigkeit sortierte das erbeutete Gut nach ihren eigenen Kriterien und befahl die Entsorgung dessen, was ihr nutzlos schien.

Im 18. Jahrhundert verfügte der Berner Rat bei den aufbewahrten Beutestücken eine Ordnung nach dem Prinzip «Gleiches zu Gleichem».

Umschlag des Ratsmanuale mit den abzuarbeitenden Notizen aus den Sitzungen des Kleinen Rats.

Fahnen kamen ins Zeughaus, über mittelalterliche weisse Leinentücher durfte das Spital verfügen, und bei den kirchlichen Textilien mit Metallfäden sollte geprüft werden, ob der wertvolle verarbeitete Rohstoff nicht wiederverwendet werden könne. Letzteres wurde wahrscheinlich nicht umgesetzt. Die Ratsprotokolle enthalten keine Hinweise darauf. Die riesigen mittelalterlichen Bildteppiche wurden wieder sorgfältig verpackt und eingelagert. Was aussortiert und verwertet wurde, ist unwiederbringlich weg. Es hinterlässt eine Überlieferungslücke.

Unter dem Stichwort «Tafelzeug» notiert der Ratsschreiber Ideen zum Umgang mit mittelalterlichen Leinentüchern.
Der Ratsschreiber notiert sich, beim Säckelmeister nachzufragen, ob man die Messgewänder und Kirchenornate mit Silber und Gold nicht einschmelzen lassen könnte.

Juwelen auf dem Markt

Edelsteine wechselten oft die Hand. Besondere Stücke wurden von Herrschenden häufig verpfändet, um Geld zu beschaffen, oder von Rivalen erworben.

Diese flämische Darstellung eines Goldschmiedegeschäfts von 1449 vermittelt uns ein Gefühl für die Marktdynamik. Der Goldschmied verkauft verschiedene Arten von wertvollen Gegenständen, darunter Juwelen im Stil der «Drei Brüder», die an der Wand ausgestellt sind. Petrus Christus stellt das Geschäft als einen Raum der Begierde und zugleich potenzieller Täuschung dar: Der Juwelier weist mit seiner Waage Wert zu – doch können die Betrachtenden dem trauen, was sichtbar ist?

Wie heute hatten Juwelen in der Frühen Neuzeit nicht nur einen symbolischen Wert, sondern waren auch Handelswaren auf dem Markt. In Zeiten der Not konnten Monarchen ihren Schmuck verkaufen oder verpfänden – eine häufige Praxis, um schnell Geld zu beschaffen. Das geschah auch mit dem Juwel «Drei Brüder», das mehrmals verpfändet wurde.

Im Skizzenbuch von Thomas Cletcher finden wir den Sancy-Diamanten als Zeichnung mit Angaben zur Provenienz des Steins.Im Skizzenbuch von Thomas Cletcher finden wir den Sancy-Diamanten als Zeichnung mit Angaben zur Provenienz des Steins.

Der Händler Thomas Cletcher aus Rotterdam übernahm zahlreiche Juwelen der englischen Krone in der Zeit vor der Revolution – darunter die «Drei Brüder» (die er möglicherweise neu schliff und in die «Drei Schwestern» umbenannte) sowie den berühmten Sancy-Diamanten. Beide stammten aus der Burgunderbeute und damit aus dem glanzvollen Besitz Karls des Kühnen. Cletcher war der letzte bekannte Besitzer der «Drei Brüder»; die englische Krone erlangte sie nie zurück. Er starb 1666.

Hier trägt König Jakob I.Hier trägt König Jakob I. von England den Sancy als Teil des Hutschmucks «Mirror of Great Britain». Ein Vergleich mit Cletchers Skizzenbuch zeigt, wie dieser durch die Zerlegung des größeren Juwels den spektakulären Einzeldiamanten für den Verkauf auf dem Markt vorbereitete.
Hier trägt König Jakob I.Hier trägt König Jakob I. von England den Sancy als Teil des Hutschmucks «Mirror of Great Britain». Ein Vergleich mit Cletchers Skizzenbuch zeigt, wie dieser durch die Zerlegung des größeren Juwels den spektakulären Einzeldiamanten für den Verkauf auf dem Markt vorbereitete. Nun wird der Diamant ohne Fassung gezeigt, was einer Inventarbeschreibung von 1605 aus dem Tower of London entspricht, die das Juwel als «one fayre dyamonde, cut in fawcetts, bought of Sauncy» (ein schöner, facettierter Diamant, von Sauncy erworben) verzeichnet.

Doppelter Drache

Aus alt mach neu! Manchmal wurden selbst eroberte Trophäen eingeschmolzen, um aus dem Metall modernere Waffen zu giessen.

Die Geschützrohre des burgundischen Herzogs konnten wichtige Kriegstrophäen darstellen, die den unwahrscheinlichen Triumph der Eidgenossen über eine technologisch fortgeschrittene Armee symbolisierten. Gleichzeitig benötigte eine Stadt militärisch einsatzfähiges und technologisch aktuelles Geschütz.

Nach dem Eintreffen der burgundischen Beute nutzte die Stadt Basel die Gelegenheit, Material aus veralteten Waffen einzuschmelzen und wiederzuverwenden. Sie gab 1513 den Guss eines neuen Geschützrohrs namens «Der Drache» in Auftrag. Dabei liess sich der Waffenschmied Jörg von Guntheim aus Strassburg vermutlich von anderen Geschützen aus der Burgunderbeute inspirieren. Er schuf nicht nur ein neues Geschütz, sondern einen zweiten «Drachen», der auf die burgundische Trophäe im selben Zeughaus verwies.

Jean de Malines inspirierte Jörg von Guntheim wahrscheinlich zum Motiv des Drachen, der das Rohr verschlingt.

Am Neuguss von Guntenheim fallen zudem die sechseckigen Elemente des Rohres auf. In anderen Schweizer Sammlungen – in St. Gallen und Bern – haben sich Fragmente burgundischer Geschütze mit sechseckig gestalteten Teilen der Geschützrohre mit dem burgundischen Wappen erhalten, die erstaunliche Geschichten erzählen.

Dieses Bruchstück eines burgundischen Bronzegeschützrohres wurde bei Arbeiten an der Hallerstrasse in Bern gefunden.

Explodierte vor Bern ein burgundisches Geschütz? Bern wurde in der Zeit nach den Burgunderkriegen nie belagert. Allerdings ist das zeremonielle Abfeuern alter Trophäengeschützen an anderer Stelle belegt. Umzüge und theatralische Gefechte fanden immer wieder statt. Vielleicht zerriss die Zündkammer des siebzehnkantigen Rohres bei einer solchen Aktion auf den Feldern vor der Stadt? Der Fundort bei der späteren Hallerstrasse lag schliesslich vor den Schanzen und Mauern der alten Stadt Bern.

Vor St. Gallen wurde 1953 bei Bauarbeiten dieses Geschützfragment mit burgundischem Wappen und Feuerstahl gefunden.

Erbeutet hatte dieses Rohr aber nicht etwa die St. Galler. Der Fundort legt vielmehr nahe, dass Eidgenossen das in den Burgunderkriegen erbeutete Geschütz 1490 in einem Konflikt gegen die St. Galler richteten.

Erbeutet von den Burgundern verwendeten die Eidgenossen das Geschütz in einem Konflikt um regionale Kontrolle.

Wie der Einsatz der explodierenden burgundischen Kanone war die Belagerung aber nur von kurzer Dauer. Die Eidgenossen zwangen den eigentlich zugewandten Ort St. Gallen, Hoheitsrechte des mit der Stadt konkurrierenden Klosters St. Gallen zu akzeptieren.

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Verpfänden und Einlösen
Die geheime Angelegenheit der geraubten Juwelen
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