Silber ist eine Wertanlage. Der burgundische Silberschatz wurde deshalb grösstenteils eingeschmolzen und verkauft.
Auch andere Schriftquellen erwähnen zahlreiche kostbare Gefässe, die heute nicht mehr erhalten sind. In den Beuterödeln wurden silberne und goldene Stücke gemäss ihrem Gewicht und ihrem Geldwert geschätzt. Der symbolische und kunsthandwerkliche Wert der aufwendig gearbeiteten Stücke des burgundischen Hofes war dabei oft zweitrangig, auch weil so viele ähnliche Gefässe erbeutet wurden. Beispielhaft ist die folgende Liste aus Basel zum Beutegut aus Grandson und Lothringen (Nancy):
Viele silberne Schalen aus der Beute wurden verkauft und eingeschmolzen. Aus dem gewonnen Silber konnten neue Kunstwerke geschaffen oder Münzen geprägt werden. Einzelne Trophäen aber wurden als Erzählerinnen der Siegesgeschichte symbolisch wertvoll und entgingen dem Schmelzofen – so wie die Burgunderschale in Liestal.
Die Eidgenossen hängten im Kampf erbeutete Fahnen in Kirchen auf, wo sie zu quasi-heiligen Gegenständen gemacht wurden.
Wenn die Eidgenossen auf dem Schlachtfeld Fahnen erbeutet hatten, hängten sie diese in ihre Kirchen. Gott hatte ihnen ja den Sieg geschenkt. Aus militärischen Feldzeichen machten die Eidgenossen Siegeszeichen. Jährliche Feierlichkeiten zu bestimmten Schlachten waren Anlässe, bei denen die Gemeinschaft sich mit den Heldentaten der Vorfahren verbinden konnte. Diese hatten einen gemeinsamen Feind besiegt und dessen Fahnen nach Hause gebracht.
Der Basler Kaplan Johannes Knebel berichtet, dass nach der Schlacht bei Murten im Jahr 1476 «die Basler voller Freude zurückkehrten […] durch Gottes Gnade, und sie brachten ihr Banner mit einem Schwalbenschwanz sowie ein weiteres goldenes mit […] sie alle betraten die Basler Kirche und knieten nieder – insbesondere die Fahnenträger und Ritter – auf den Stufen in der Mitte des Chors vor dem Altar und dankten Gott, der Heiligen Jungfrau Maria und den 10.000 Märtyrern für diesen wundersamen und großen Triumph und Sieg, der ihnen vom Himmel gewährt worden war.» Solche Rituale stärkten den Zusammenhalt der Gemeinschaft und vermittelten ein historisches Bewusstsein. In Zürich hing ein Grossteil der erbeuteten Fahnen in der Wasserkirche.
Eine erbeutete Rüstung aus dem 15. Jahrhundert soll Berchtold V. gehört haben? Diese spätere Wiederverwertung erscheint aus heutiger Perspektive fragwürdig…
Dem erbeuteten Harnisch eine völlig neue Geschichte anzuhängen, war für die Berner im 16. Jahrhundert eine sinnvolle Verwertung einer alten Rüstung. Militärisch konnte man sie nicht mehr verwenden. Einst ein luxuriöser Harnisch eines wahrscheinlich burgundischen oder savoyischen Adeligen, war sie unter den Trophäen und eigenen Rüstungen und Waffen im Zeughaus ein seltenes Stück, aber eines ohne Geschichte. Damit bot er sich an für die Ausstattung der Berchtold-Figurine. Diese historische Überschreibung gehört also zur Geschichte des Harnisches und ist mehr als nur eine «falsche» Zuschreibung.
Im reformierten Bern wurden konfiszierte Ritualgeräte aus den Klöstern eingeschmolzen, vor allem um Münzen zu prägen.
Im Auftrag der Obrigkeit bearbeiteten Goldschmiede die kirchlichen Geräte.
Sie trennten Gold und Silber und schmolzen es zu Silber- und Goldbarren für die Münzprägung. Das hatte einen doppelten Zweck: Die Gerätschaften des altgläubigen, also katholischen, Kults wurden zerstört und unbrauchbar gemacht. Das so gewonnene Silber aber konnte – in Form von Geld – für soziale Zwecke wie die Speisung von Armen und Kranken verwendet werden. Aus den eingeschmolzenen Objekten aus Königsfelden gewann man mindestens 32 Kilogramm Silber.
Die Obrigkeit sortierte das erbeutete Gut nach ihren eigenen Kriterien und befahl die Entsorgung dessen, was ihr nutzlos schien.
Im 18. Jahrhundert verfügte der Berner Rat bei den aufbewahrten Beutestücken eine Ordnung nach dem Prinzip «Gleiches zu Gleichem».
Fahnen kamen ins Zeughaus, über mittelalterliche weisse Leinentücher durfte das Spital verfügen, und bei den kirchlichen Textilien mit Metallfäden sollte geprüft werden, ob der wertvolle verarbeitete Rohstoff nicht wiederverwendet werden könne. Letzteres wurde wahrscheinlich nicht umgesetzt. Die Ratsprotokolle enthalten keine Hinweise darauf. Die riesigen mittelalterlichen Bildteppiche wurden wieder sorgfältig verpackt und eingelagert. Was aussortiert und verwertet wurde, ist unwiederbringlich weg. Es hinterlässt eine Überlieferungslücke.
Edelsteine wechselten oft die Hand. Besondere Stücke wurden von Herrschenden häufig verpfändet, um Geld zu beschaffen, oder von Rivalen erworben.
Wie heute hatten Juwelen in der Frühen Neuzeit nicht nur einen symbolischen Wert, sondern waren auch Handelswaren auf dem Markt. In Zeiten der Not konnten Monarchen ihren Schmuck verkaufen oder verpfänden – eine häufige Praxis, um schnell Geld zu beschaffen. Das geschah auch mit dem Juwel «Drei Brüder», das mehrmals verpfändet wurde.
Der Händler Thomas Cletcher aus Rotterdam übernahm zahlreiche Juwelen der englischen Krone in der Zeit vor der Revolution – darunter die «Drei Brüder» (die er möglicherweise neu schliff und in die «Drei Schwestern» umbenannte) sowie den berühmten Sancy-Diamanten. Beide stammten aus der Burgunderbeute und damit aus dem glanzvollen Besitz Karls des Kühnen. Cletcher war der letzte bekannte Besitzer der «Drei Brüder»; die englische Krone erlangte sie nie zurück. Er starb 1666.
Aus alt mach neu! Manchmal wurden selbst eroberte Trophäen eingeschmolzen, um aus dem Metall modernere Waffen zu giessen.
Die Geschützrohre des burgundischen Herzogs konnten wichtige Kriegstrophäen darstellen, die den unwahrscheinlichen Triumph der Eidgenossen über eine technologisch fortgeschrittene Armee symbolisierten. Gleichzeitig benötigte eine Stadt militärisch einsatzfähiges und technologisch aktuelles Geschütz.
Nach dem Eintreffen der burgundischen Beute nutzte die Stadt Basel die Gelegenheit, Material aus veralteten Waffen einzuschmelzen und wiederzuverwenden. Sie gab 1513 den Guss eines neuen Geschützrohrs namens «Der Drache» in Auftrag. Dabei liess sich der Waffenschmied Jörg von Guntheim aus Strassburg vermutlich von anderen Geschützen aus der Burgunderbeute inspirieren. Er schuf nicht nur ein neues Geschütz, sondern einen zweiten «Drachen», der auf die burgundische Trophäe im selben Zeughaus verwies.
Am Neuguss von Guntenheim fallen zudem die sechseckigen Elemente des Rohres auf. In anderen Schweizer Sammlungen – in St. Gallen und Bern – haben sich Fragmente burgundischer Geschütze mit sechseckig gestalteten Teilen der Geschützrohre mit dem burgundischen Wappen erhalten, die erstaunliche Geschichten erzählen.
Explodierte vor Bern ein burgundisches Geschütz? Bern wurde in der Zeit nach den Burgunderkriegen nie belagert. Allerdings ist das zeremonielle Abfeuern alter Trophäengeschützen an anderer Stelle belegt. Umzüge und theatralische Gefechte fanden immer wieder statt. Vielleicht zerriss die Zündkammer des siebzehnkantigen Rohres bei einer solchen Aktion auf den Feldern vor der Stadt? Der Fundort bei der späteren Hallerstrasse lag schliesslich vor den Schanzen und Mauern der alten Stadt Bern.
Erbeutet hatte dieses Rohr aber nicht etwa die St. Galler. Der Fundort legt vielmehr nahe, dass Eidgenossen das in den Burgunderkriegen erbeutete Geschütz 1490 in einem Konflikt gegen die St. Galler richteten.
Wie der Einsatz der explodierenden burgundischen Kanone war die Belagerung aber nur von kurzer Dauer. Die Eidgenossen zwangen den eigentlich zugewandten Ort St. Gallen, Hoheitsrechte des mit der Stadt konkurrierenden Klosters St. Gallen zu akzeptieren.