Welche Erinnerungen sind echt?
Als die erbeuteten Fahnen zerfielen und die unmittelbaren Erinnerungen an die Siege auf dem Schlachtfeld verblassten, wurden die beschädigten Trophäenbanner vervielfältigt. Verschiedene Orte der Eidgenossenschaft liessen Zeichnungen ihrer Beutefahnen in Büchern anlegen, als historisches Verzeichnis ihrer Siege. Manchmal zeichneten sie die Fahnen in Bewegung, andere flach und beinahe zweidimensional. Die mediale Übersetzung in eine Zeichnung ermöglichte so den Erhalt von vergänglichen Erinnerungen aus Stoff. Diese Erinnerungen und damit auch die mediale Übersetzungen waren aber nie ganz genau.
Die Inventare in den Zürcher Zeughausbüchern zeigen, wie Verzerrungen oder Abweichungen von Objekten wie den burgundischen Bannern weitergegeben werden. Die burgundische Fahne, die hier den Fokus bildet, wird zum Beispiel schon im 17. Jahrhundert mit runden Ecken dargestellt, obwohl sie höchstwahrscheinlich viereckig war.
Diese Kopien von Kopien von Kopien – also Kopien über mehrere Generationen – werfen die Frage auf: Welche Erinnerungen sind echt – und wie echt sind sie?
Heute ist die burgundische Fahne mit St. Christophorus im Nationalmuseum zum Beispiel nur als Fragment überliefert – genau wie die andere burgundische Fahnen, die noch in Schweizer Museen aufbewahrt werden. Wie bei dem Banner mit den Wappen Karl des Kühnens, können wir heute nur erraten, wie die einst mal tatsächlich aussahen.
Im Fahnenbuch von Luzern, das selber mehrmals kopiert wurde, finden wir auch zerfetzte Fahnen abgebildet. Als Banner sind sie nicht mehr zu erkennen, aber sie erscheinen trotzdem als Zeichen hart erkämpfter Siege und vollständig besiegter Feinde. Manchmal bieten auch Fragmente kraftvolle Aussagen. Aus dem Fragment können neue Narrative und Überschreibungen entstehen.
Kopien von Trophäen vervollständigten im 19. Jahrhundert die unvollständige mittelalterliche Überlieferung und unterstützen grosse Geschichtserzählungen.
Kopien wie jene des berühmten Goldschmieds Bossard erschienen wie Originale. Ein löchriger «Burgunderbecher», angeblich um 1840 bei Murten ausgegraben, wurde im Familienbesitz der Bossards restauriert.
Dem nach wie vor stark beschädigten «Original» stellte Bossard eine scheinbar perfekte Kopie gegenüber – ohne Löcher, als ob man sie direkt von der Tafel Karls des Kühnen genommen hätte.
Die Inschrift macht damit auch aus dem löchrigen Bodenfund ein vermeintlich belegtes Original. Bossard widmete die glänzende Kopie zudem der Zunft zu Kämbel und damit jener Zürcher Stadtelite, die sich seit jeher mit Beutestücken als Nachkommen der siegreichen Eidgenossen inszenierten. Am Mareingürtel hatte Bossard ein ganz ähnliches Interesse wie am Burgunderbecher… die einstige Votivgabe aus dem Solothurner Kirchenschatz wurde durch die neue Zuschreibung zu einer weiteren Trophäe aus Burgund.
Das Mittelalter erschien während der Industrialisierung als Quelle der gesellschaftlichen Erneuerung. Auch aus erbeuteten Trophäen wurde Kunst.
Wie viele seiner Zeitgenossen liess sich der Luzerner Goldschmied Bossard bei seinen eigenen Arbeiten von historischen Stilen aus dem Mittelalter und der Renaissance inspirieren. Seine Skizzen und Kopien zeigen, wie sorgfältig er mittelalterliche Objekte studierte und versuchte, sie im Stil und Machart den mittelalterlichen Originalen anzugleichen. Er ergänzte und erweiterte sie aber auch.
Aus diesem praktischen Studium entstanden zudem Neuschöpfungen – «streng im Stil einer bestimmten Epoche», wie Bossard betonte.
In Bern wurde Geschichte immer wieder in Strassenumzügen inszeniert. Kostüme bestanden aus tatsächlichen Trophäen und vielerlei Nachbildungen.
Die Gründungsfeier 1791 ist ein gut dokumentiertes Beispiel für solche Umzüge. In vier Akten sollte die Stadtgeschichte aufgeführt werden. Berchtold V. als Stadtgründer führte den ersten Zug an. Die Burgunderkriege mit vielerlei echten und weniger echten Beutestücken war der letzte Akt. Belegt ist, dass Zeughäuser Rüstungen und andere Objekte für die historische Ausstattung der Darstellenden lieferten.
Wie politisch aufgeladen solche Festumzüge sein konnten, wird daran deutlich, dass die Feier 1791 aufgrund der revolutionären Spannungen schliesslich abgeblasen wurde. Die alten Kriegshelden konnten in dieser Zeit nicht nur als konservatives Argument für die alte Herrschaft der eidgenössischen Orte aufgefasst werden, sondern auch als Ruf nach Reformen. Ob der Missaglia-Harnisch als Berchtolds Rüstung aus dem Zeughaus in Umzügen wie jenem von 1791 Verwendung fand, ist unklar. Spuren im Stahl legen es aber nahe.
Umzüge zur Erinnerung an lange vergangene Ereignisse ermöglichten es, Geschichte hautnah zu erleben und Patriotismus zu kultivieren – ein bunter Aufzug mit Kostümen, Imitationen und echten Beutestücken.
Zur Feier von 600 Jahren Beitritt Berns zur Eidgenossenschaft wurde 1853 ein pompöser Umzug in historischen Kostümen veranstaltet.
Wenn die Männer und Knaben Berns in die Rolle ihrer heroischen Vorfahren schlüpften, so sollten sie deren Tugenden «erben», so die Hoffnung der Veranstalter. Der Festumzug endete mit dem Vorführen von eroberten Beutestücken, mit einem «Beutewagen». Die Cäsartapisserien dienten als Vorbild für das auf dem Beutewagen nachgebaute Zelt Karls des Kühnen. Das zeigt das auf dem Zelt abgebildete Motiv mit dem sitzenden römischen Herrscher.
Im 19. Jahrhundert wurden an vielen Orten der Schweiz Museen gegründet. Die Burgunderbeute wurde dort auf pompöse Weise neu inszeniert und dazu neu genäht.
Das Zeughaus von Solothurn, das später selbst zum historischen Museum wurde, vereinte sowohl historische Objekte als auch Reproduktionen und sogar Fälschungen. Ein imposantes «Zelt aus dem Lager des burgundischen Herzogs» beherbergte solche zweifelhaften Exponate. Das Nachbauen des Zeltes war eine Weise, Geschichte ins Leben zu rufen und durch Prozesse der Reproduktion erfahrbar zu machen.
Die verschiedenen Objekte in der Fotografie des «Beutezeltes» sollten ein möglichst lückenloses und prächtiges Bild der Geschichte «Burgunderbeute» vermitteln.
Ob auch der Mariengürtel als vermeintlich burgundisches Beutestück Teil der Installation im Solothurner Zeughaus war, ist unklar. Bei der Landesausstellung in Genf wurden allerdings sowohl das Zelt mit seinen Begleitobjekten als auch die «Kette» als erbeuteter Schmuck der burgundischen Prinzessin Maria ausgestellt.
Jede Kopie hat Lücken. Ein Scanroboter kann den Glanz des Goldschmiedewerks nicht perfekt imitieren.
Neueste 3D-Technologie erbringt oft verblüffend echte Resultate in der dreidimensionalen Imitation von historischen Objekten. Solche Kopien dienen der wissenschaftlichen Forschung und der Dokumentation. Manchmal kommen solche Repliken auch in Ausstellungen zum Einsatz, wenn etwa die Originale für den Leihverkehr zu fragil sind. Die Wiedergabe von glänzenden glatten Metalloberflächen ist aber technisch noch äusserst schwierig.
Die Resultate eines Scanroboters befriedigen noch nicht so recht. Reflektierende Oberflächen können auf diese Weise noch nicht nachgeahmt werden.
Für die Bilder im Ehrenspiegel, die angebliche Erbstücke der Habsburger Familie lobten, stützten sich die Fugger auf die Basler Verkaufszeichnungen.
Die Juwelen Karls des Kühnen, die in Grandson und Murten erbeutet wurden, sind heute nur noch dank der Verkaufszeichnungen bekannt. Sie wurden von den Baslern angefertigt, um die Kaufmannsfamilie Fugger aus Augsburg zum Kauf zu exorbitanten Preisen zu bewegen. Die Zeichnung der «Drei Brüder» wurde anschliessend auf Pergament kopiert für einen Entwurf des «Ehrenspiegels». In einer redigierten Fassung dieses Werks zu Ehren der Habsburger wurde die Zeichnung erneut kopiert. So entstand im Zusammenhang mit dem Juwelenverkauf eine Kette von Kopien, die sich immer weiter vervielfältigte.
Die legendären burgundischen Juwelen, darunter die «Drei Brüder», sind verschwunden. Wie kann man eine Geschichte des verlorenen Erbes heute ausstellen?
Die Geschichte der Schmuckstücke Karls ist eine voller Glanz, Geheimnisse, Begierde und Verlust. Heute existieren die meisten seiner kostbaren Stücke nicht mehr – sie wurden geraubt, verpfändet, zerlegt oder verkauft. Wir kennen sie nur durch Nachbildungen, bzw. Kopien, die teils eigens angefertigt wurden, um ihr Verschwinden zu verschleiern. Wie lässt sich diese Geschichte dennoch zeigen? Historische und zeitgenössische Reproduktionen scheinen das verlorene Erbe erfahrbar zu machen, jedoch lässt sich die Lücke im Zentrum der Geschichte nie richtig füllen.
Im 19. Jahrhundert fertigten Wiener Mineralogen einen Gipsabdruck des «Florentiner» Diamanten an. Dieser konnte vermessen und mit anderen großen Diamanten verglichen werden, wie etwa dem berühmten Koh-i-Noor-Diamanten, den die Engländer aus Indien mitgebracht hatten. Ein Pariser Glaskünstler stellte die Kopie, die heute im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen ist, mit dem Gipsabdruck als Vorlage her.
Am Grab trägt heute Königin Elisabeth I. von England die «Drei Brüder». Das Juwel wurde erst in den 1970er Jahren hinzugefügt um den Eindruck von Authentizität zu erwecken.
Der goldene Hut Karls des Kühnen existiert heute auch nur noch als Kopie – ob der Burgundische Glanz so noch vermittelt werden kann?
Ein Geschützrohr im Zeugbuch Kaiser Maximilians ist dem burgundischen Geschützrohr in Basel zum Verwechseln ähnlich. Ist das womöglich einer der fünf von Jean de Malines?
Wie exakt die Zeichnung der «Burgunderin» im Zeugbuch Maximilians ist, bleibt unklar. Ein weiterer Hinweis bestätigt allerdings die Vermutung, dass diese Zeichnung ein anderes Geschützrohr zeigt als die «Burgund» im Basler Zeughaus…
Die «Burgunderin» im Zeugbuch und bei der Belagerung 1504 war wohl ursprünglich im Besitz Karls des Kühnen und kam als Beute im Konflikt zwischen den Burgundern und den Habsburgern 1474/75 in die Hände der kaiserlichen Truppen und so später in den Besitz von Kaiser Maximilian I. Die «Burgunderin» war also auch burgundische Kriegsbeute, aber nicht aus den Konflikten mit den Eidgenossen. Das prächtige Zeugbuch zeigt zudem anschaulich, wie solche Kriegswaffen hergestellt wurden. Auf einer weiteren Seite derselben Handschrift werden verschiedene Metallsorten dargestellt. Besonders eindrücklich ist der Kupferbarren am linken Bildrand.
Ziel dieser repräsentativen Handschrift war es, Innovationen im Bereich der Artillerie zu dokumentieren und Maximilians Macht zu demonstrieren. Alte und neuartige Geschütze wurden hier beschrieben, porträtiert und illustriert.