Bei «Schlachtjahrzeiten» wurden in der Kirche Berichte über Schlachtsiege und die Namen von Soldaten verlesen, um die Erinnerungen an vergangene Siege für die versammelte Gemeinde lebendig zu halten: Geschichten wurden propagiert und verklärt. Die von der Decke hängenden Fahnen waren wie Reliquien: blutbespritzte Erinnerungsstücke für hart erkämpfte Siege der Vorfahren.
Die Fahnen waren öffentliche Symbole, die Geschichte greifbar und präsent machten. Wenn Berichte über die Schlacht von der Kanzel verlesen wurden, konnte sich die versammelte Gemeinde die Schlacht lebhaft vorstellen und ihrer gedenken, indem sie zuhörte und die Fahnen betrachtete, die als Siegestrophäen und Relikte dienten. Diese Zeremonien bildeten manchmal die Grundlage für spätere illustrierte Geschichtswerke, sogenannte Chroniken.
Wenn erbeutete Fahnen in Kirchen präsentiert und mit ihnen Geschichten erzählt wurden, liessen sich Erzählungen von Freund und Feind leichter artikulieren: Mehrdeutigkeiten konnten zugunsten klarer Definitionen und Unterscheidungen ausgelöscht werden.
Die Burgunderschale ist mit einem ungewöhnlichen Portrait versehen – ein Bildnis des burgundischen Herzogs?
Auch Karl der Kühne wurde verklärt. Sein sagenhafter Ruf als reicher Herzog überdauerte seinen Tod. Man begegnet ihm in Sammlungen der Porträts grosser Herrscher der «Geschichte». Zwischen dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert erhielt die Burgunderschale durch die Familie Strübin ein Medaillon, das mit der Vervielfältigung des Porträts Karls des Kühnen seit seiner Regierungszeit in Verbindung steht. Die einfache Schale hatte davor keine sichtbare Verbindung zu Burgund. Erst durch das Medaillon wurde sie scheinbar zur Schale des Herzogs selbst.
Auch im Besitz Liestals blieb die Burgunderschale nach 1800 ein rituelles Trinkgefäss – nun aber im Sinne der Stadt als Teil des jungen Nationalstaates.
Der jährliche Umtrunk seit der Stiftung durch Crispianus Strübin findet bis heute statt. Die Erinnerung an die heldenhafte Geschichte der Patrizierfamilie Strübin blieb auch nach der Nationalstaatsgründung 1848 relevant und trug zu ihrer Verklärung bei. Wie in vielen Schweizer Städten konnten die alten Herren ihren Besitz und Einfluss zu einem gewissen Grad erhalten. Das Trinken aus der erbeuteten Schale und später aus einer «Gebrauchskopie» nahm nun aber die Symbolik einer nationalen Geschichte an, in der sich die Liestaler verorteten.
In der Berner Kunst- und Wunderkammer stellte man die Bildtafel aus dem Frauenkloster als Besitz von Karl dem Kühnen aus.
1696 wurde das Diptychon aus dem Rathaus in die Stadtbibliothek transferiert. Fortan war es dort als Sehenswürdigkeit neben anderen kunstvollen Werken («artificia») ausgestellt.
Es sei der Feldaltar von Herzog Karl dem Kühnen und gehöre zu der Burgunderbeute.
Neue Bedeutungsschichten legen sich über das Werk: Es ist Ausweis höchster künstlerischer Qualität, denn der Hof Karls des Kühnen war künstlerisch tonangebend. Gleichzeitig wird es zum Symbol der militärischen Erfolge der Berner, denn diese erbeuteten das persönliche Eigentum des Herzogs.
Im Berner Zeughaus wurde die Berner Rüstung als Stahlkleid des mythischen Stadtgründers inszeniert.
Die Berner Waffenkammer war nicht nur ein Lager für militärisches Material, sondern auch ein Beweis der Macht der Stadt und ein Ort, wo ihre glorreiche Geschichte inszeniert wurde. Erbeutete Trophäen und andere Objekte erzählten mit hölzernen, bemalten Figurinen, Fahnen und Gemälden Geschichten über das gewaltvolle Werden des zeitweise sehr mächtigen Stadtstaates. Berchtold V. spielte als sagenumwobener Stadtgründer eine wichtige Rolle.
Im Zeughaus installierten die Berner Herren eine bemalte Holzfigurine Berchtolds und legten ihr die norditalienische Rüstung an. Solche Holzfigurinen standen im Zeughaus an verschiedenen Orten wie kleine Vermittlungsstationen, an denen wichtige Episoden der glorreichen Gründungserzählung mit kriegerischem Pathos inszeniert wurden.
In der Berner Waffenkammer standen Figurinen in alten Rüstungen sinnbildlich für die Herrschaftsstruktur und Vorstellungen von Manneskraft.
Die alten Eidgenossen, die in Schlachten wie jenen der Burgunderkriege siegten, gelten teilweise bis heute als Inbegriff des gottesfürchtigen, bescheidenen, pflichtbewussten Schweizer Mannes. Dementsprechend waren die gerüsteten Figurinen in Zeughäusern, wie jenem in Bern, immer auch Visualisierungen «rechtschaffener», kriegerischer Männer. Sichtbar wird das an der Gestaltung ihrer Gesichter. Die Holz- und Tonmasken der Kriegerfigurinen veränderten sich entsprechend visueller Männlichkeitsvorstellungen – vom eleganten Schnauz des 18. Jahrhunderts bis zum kernigen Bart des 19. Jahrhunderts.
Unterhaltsam grotesk, aber auch etwas furchteinflössend mussten die Kriegerfiguren in den Zeughäusern auf Besucher:innen gewirkt haben. Besucher beschrieben ihre Wirkung in den spärlich beleuchteten Räumen.
Der Zeugmeister führte Besucher:innen durch die Waffenkammer und schmückte die Ausstellungen möglicherweise mit entsprechenden Erzählungen aus.
Schweizer Propaganda verglich Karl den Kühnen oft mit Sultan Mehmed II. – dem Sinnbild des gewaltvollen, ‹fremden› Herrschers.
Karl wurde als «Türke des Westens» dargestellt, als blutrünstiger Tyrann, gierig nach Macht, Luxus und Juwelen. Als die Fugger-Familie den Habsburgern 1555 ihren genealogischen «Ehrenspiegel des Hauses Österreich» überreichte, verglichen sie Karls prächtigen Hut mit dem juwelenbesetzten Helm Sultan Süleymans des Prächtigen.
Beide Objekte wurden später zerlegt, ihre Edelsteine sind verloren. Beide Hüte verklären den Blick auf die reale politische Lage.
Zu bestimmten Momenten der Geschichte wuchs erneutes Interesse an erbeuteten Fahnen, zum Beispiel im 19. Jahrhundert nach der Gründung der Schweiz 1848, wo sie in Festspiele integriert waren.
Im 19. Jahrhundert waren üppige historische Festspiele beliebt. Städte, ebenso wie die neu gegründete Nation konnten so Erzählungen über ihre Vergangenheit inszenieren. Die Burgunderkriege waren oft Thema dramatischer Aufführungen.
Aufwendige Kostüme sowie Nachbildungen erbeuteter Fahnen wurden von den Teilnehmenden als Mittel zur Darstellung der Vergangenheit mitgeführt.
Da Fahnen in ihrer Symbolik leicht erkennbar waren, ermöglichten sie es einem grossen Publikum, die Akteure des historischen Dramas zu identifizieren. Sie verliehen auch fiktive historische Glaubwürdigkeit.
Auch heute noch ist das Fahnenschwingen ein Skill, der bei Veranstaltungen wie dem 32. Eidgenössischen Jodlerfest, das im Juni 2026 in Basel stattfand, zur Schau gestellt wird. Beim Zusehen der Fahnenschwinger:innen bekommt man ein Gefühl dafür, wie Fahnen als Objekte nicht nur bei ihrer Bewegung lebendig wirkten, sondern auch Training erforderten, um mit Schwung gehandhabt zu werden.
Beutestücke mit dem Wappen Karls des Kühnen waren besonders begehrt. Die Machtzeichen des Herzogs wurden in den Händen der eidgenössischen Sieger zu Zeichen ihres Triumphes.
Der Basler Chronist Johannes Knebel beschrieb in seiner Chronik, dass die Basler am Mittwoch, dem 14. März 1476, aus dem Krieg zurückkehrten. Sie führten dabei zwei grosse Bombarden – so nennt Knebel die Geschützrohre – mit dem burgundischen Wappen direkt vom Schlachtfeld nach Basel heim.
Einer der grossen Mythen der eidgenössischen Erzählungen betrifft die Gerechtigkeit, die bei der Aufteilung der fetten Kriegsbeute gewaltet haben soll. Wie umkämpft die Verteilung tatsächlich war, zeigt sich am Beispiel des grossen Geschützes (aus Grandson/Murten). Diebold Schilling der Ältere sparte in seiner Berner Chronik nicht mit Kritik an den Plünderungen nach Grandson. Auch nach Murten beschreibt er ein Chaos: Ein Teil der zusammengetragenen Beute wurde aus dem Depot gestohlen. Die vermeintlich geordnete, gerechte Verteilung war sicher eher Wunschbild als Realität.