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Geschichte inszenieren

Bei «Schlachtjahrzeiten» wurden in der Kirche Berichte über Schlachtsiege und die Namen von Soldaten verlesen, um die Erinnerungen an vergangene Siege für die versammelte Gemeinde lebendig zu halten: Geschichten wurden propagiert und verklärt. Die von der Decke hängenden Fahnen waren wie Reliquien: blutbespritzte Erinnerungsstücke für hart erkämpfte Siege der Vorfahren.

Die Fresken, die im 17. Jahrhundert an den Wänden der Franziskanerkirche in Luzern gemalt wurden, vermitteln einen Eindruck davon, wie einst Banner hingen und den Gottesdienstraum schmückten.

Die Fahnen waren öffentliche Symbole, die Geschichte greifbar und präsent machten. Wenn Berichte über die Schlacht von der Kanzel verlesen wurden, konnte sich die versammelte Gemeinde die Schlacht lebhaft vorstellen und ihrer gedenken, indem sie zuhörte und die Fahnen betrachtete, die als Siegestrophäen und Relikte dienten. Diese Zeremonien bildeten manchmal die Grundlage für spätere illustrierte Geschichtswerke, sogenannte Chroniken.

In Darstellungen des Schlachtenchaos ist es ohne die Hilfe von Fahnen schwer zu erkennen, wer Freund und wer Feind ist – sie machen die Erzählungen so besser lesbar.

Wenn erbeutete Fahnen in Kirchen präsentiert und mit ihnen Geschichten erzählt wurden, liessen sich Erzählungen von Freund und Feind leichter artikulieren: Mehrdeutigkeiten konnten zugunsten klarer Definitionen und Unterscheidungen ausgelöscht werden.

In dieser Hälfte der Darstellung der Schlacht bei Murten im Luzerner Schilling lassen sich aber die kriegführenden Parteien dank ihrer Banner leicht identifizieren.

Die Schale des Herzogs

Die Burgunderschale ist mit einem ungewöhnlichen Portrait versehen – ein Bildnis des burgundischen Herzogs?

Auch Karl der Kühne wurde verklärt. Sein sagenhafter Ruf als reicher Herzog überdauerte seinen Tod. Man begegnet ihm in Sammlungen der Porträts grosser Herrscher der «Geschichte». Zwischen dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert erhielt die Burgunderschale durch die Familie Strübin ein Medaillon, das mit der Vervielfältigung des Porträts Karls des Kühnen seit seiner Regierungszeit in Verbindung steht. Die einfache Schale hatte davor keine sichtbare Verbindung zu Burgund. Erst durch das Medaillon wurde sie scheinbar zur Schale des Herzogs selbst.

Durstige Schweizer

Auch im Besitz Liestals blieb die Burgunderschale nach 1800 ein rituelles Trinkgefäss – nun aber im Sinne der Stadt als Teil des jungen Nationalstaates.

Der jährliche Umtrunk seit der Stiftung durch Crispianus Strübin findet bis heute statt. Die Erinnerung an die heldenhafte Geschichte der Patrizierfamilie Strübin blieb auch nach der Nationalstaatsgründung 1848 relevant und trug zu ihrer Verklärung bei. Wie in vielen Schweizer Städten konnten die alten Herren ihren Besitz und Einfluss zu einem gewissen Grad erhalten. Das Trinken aus der erbeuteten Schale und später aus einer «Gebrauchskopie» nahm nun aber die Symbolik einer nationalen Geschichte an, in der sich die Liestaler verorteten.

Beim Trinken von rotem Wein erscheint das Portrait Karls auf dem Schalenboden blutrot — ein symbolischer Verweis auf die Gewalt, die mit dem verklärten Sieg verbunden war?

Andachtstafel oder Buch?

In der Berner Kunst- und Wunderkammer stellte man die Bildtafel aus dem Frauenkloster als Besitz von Karl dem Kühnen aus.

Der 1696 neu eingerichtete Bibliothekssaal im Kreuzgang des ehemaligen Franziskanerklosters in Bern.

1696 wurde das Diptychon aus dem Rathaus in die Stadtbibliothek transferiert. Fortan war es dort als Sehenswürdigkeit neben anderen kunstvollen Werken («artificia») ausgestellt.

Blick von oben auf das venezianische Diptychon.

Es sei der Feldaltar von Herzog Karl dem Kühnen und gehöre zu der Burgunderbeute.

Karl der Kühne in der Sichtweise des 17. Jahrhunderts.

Neue Bedeutungsschichten legen sich über das Werk: Es ist Ausweis höchster künstlerischer Qualität, denn der Hof Karls des Kühnen war künstlerisch tonangebend. Gleichzeitig wird es zum Symbol der militärischen Erfolge der Berner, denn diese erbeuteten das persönliche Eigentum des Herzogs.

Der angebliche Reisealtar von Karl dem Kühnen.

Mit Geschichte rüsten

Im Berner Zeughaus wurde die Berner Rüstung als Stahlkleid des mythischen Stadtgründers inszeniert.

Die Berner Waffenkammer war nicht nur ein Lager für militärisches Material, sondern auch ein Beweis der Macht der Stadt und ein Ort, wo ihre glorreiche Geschichte inszeniert wurde. Erbeutete Trophäen und andere Objekte erzählten mit hölzernen, bemalten Figurinen, Fahnen und Gemälden Geschichten über das gewaltvolle Werden des zeitweise sehr mächtigen Stadtstaates. Berchtold V. spielte als sagenumwobener Stadtgründer eine wichtige Rolle.

Das Berner Zeughaus wurde im 16. Jahrhundert ausgebaut. 1589 datiert der erste Hinweis auf die Inszenierung der Rüstung als Berchtold V.

Im Zeughaus installierten die Berner Herren eine bemalte Holzfigurine Berchtolds und legten ihr die norditalienische Rüstung an. Solche Holzfigurinen standen im Zeughaus an verschiedenen Orten wie kleine Vermittlungsstationen, an denen wichtige Episoden der glorreichen Gründungserzählung mit kriegerischem Pathos inszeniert wurden.

Im Bernischen Historischen Museum wurde die Rüstung zeitweilen auch mit Figurine ausgestellt, um auf die Präsentation im Zeughaus vor der Museumsgründung zu verweisen.

Trophäen nur für bärtige Schweizer?

In der Berner Waffenkammer standen Figurinen in alten Rüstungen sinnbildlich für die Herrschaftsstruktur und Vorstellungen von Manneskraft.

Die alten Eidgenossen, die in Schlachten wie jenen der Burgunderkriege siegten, gelten teilweise bis heute als Inbegriff des gottesfürchtigen, bescheidenen, pflichtbewussten Schweizer Mannes. Dementsprechend waren die gerüsteten Figurinen in Zeughäusern, wie jenem in Bern, immer auch Visualisierungen «rechtschaffener», kriegerischer Männer. Sichtbar wird das an der Gestaltung ihrer Gesichter. Die Holz- und Tonmasken der Kriegerfigurinen veränderten sich entsprechend visueller Männlichkeitsvorstellungen – vom eleganten Schnauz des 18. Jahrhunderts bis zum kernigen Bart des 19. Jahrhunderts.

Das 19. Jahrhundert betonte in Darstellungen der mittelalterlichen «Eidgenossen» die männliche Kampfkraft mit viel wilder Gesichtsbehaarung, wie bei diesen Beispielen aus Basel zu sehen ist.

Unterhaltsam grotesk, aber auch etwas furchteinflössend mussten die Kriegerfiguren in den Zeughäusern auf Besucher:innen gewirkt haben. Besucher beschrieben ihre Wirkung in den spärlich beleuchteten Räumen.

Aus Luzern sind ältere Masken aus dem 18. Jahrhundert überliefert – gestaltet gemäss zeitgenössischem Ideal mit elegantem Schnurrbart und feinen Zügen.

Der Zeugmeister führte Besucher:innen durch die Waffenkammer und schmückte die Ausstellungen möglicherweise mit entsprechenden Erzählungen aus.

Breite Schultern, enge Taille – die kraftvolle Silhouette der Missaglia-Rüstung vermittelte im Zeughaus gemeinsam mit bärtigen Figurinen ein ideales Bild der starken, «männlichen» Vorfahren.

Heidnische Hüte

Schweizer Propaganda verglich Karl den Kühnen oft mit Sultan Mehmed II. – dem Sinnbild des gewaltvollen, ‹fremden› Herrschers.

Karl wurde als «Türke des Westens» dargestellt, als blutrünstiger Tyrann, gierig nach Macht, Luxus und Juwelen. Als die Fugger-Familie den Habsburgern 1555 ihren genealogischen «Ehrenspiegel des Hauses Österreich» überreichte, verglichen sie Karls prächtigen Hut mit dem juwelenbesetzten Helm Sultan Süleymans des Prächtigen.

Beide Objekte wurden später zerlegt, ihre Edelsteine sind verloren. Beide Hüte verklären den Blick auf die reale politische Lage.

Nationales Fahnenschwingen

Zu bestimmten Momenten der Geschichte wuchs erneutes Interesse an erbeuteten Fahnen, zum Beispiel im 19. Jahrhundert nach der Gründung der Schweiz 1848, wo sie in Festspiele integriert waren.

Das Festalbum zu den Nationalfeiern in Bern und Schwyz 1891.

Im 19. Jahrhundert waren üppige historische Festspiele beliebt. Städte, ebenso wie die neu gegründete Nation konnten so Erzählungen über ihre Vergangenheit inszenieren. Die Burgunderkriege waren oft Thema dramatischer Aufführungen.

«Ihr Memmen, bleibt»: eine Schlacht wird in Szene gesetzt. Die ehemalige Eidgenossenschaft dient als Modell für die neugegrundete Nation.
Fahnen dienen – wie damals in den Schilling-Chroniken – dazu, das Geschehen auf der Bühne lesbar zu machen. Der Sieg wird mit der Erbeutung der burgundischen Banner verkündet.
Die Besetzung der wichtigen historischen Rollen.

Aufwendige Kostüme sowie Nachbildungen erbeuteter Fahnen wurden von den Teilnehmenden als Mittel zur Darstellung der Vergangenheit mitgeführt.

Die Vergangenheit wird durch Performancen verlebendigt: hier die Schlacht von Murten in Bern 1891.

Da Fahnen in ihrer Symbolik leicht erkennbar waren, ermöglichten sie es einem grossen Publikum, die Akteure des historischen Dramas zu identifizieren. Sie verliehen auch fiktive historische Glaubwürdigkeit.

Auch heute noch ist das Fahnenschwingen ein Skill, der bei Veranstaltungen wie dem 32. Eidgenössischen Jodlerfest, das im Juni 2026 in Basel stattfand, zur Schau gestellt wird. Beim Zusehen der Fahnenschwinger:innen bekommt man ein Gefühl dafür, wie Fahnen als Objekte nicht nur bei ihrer Bewegung lebendig wirkten, sondern auch Training erforderten, um mit Schwung gehandhabt zu werden.

Besonders begehrte Beutestücke

Beutestücke mit dem Wappen Karls des Kühnen waren besonders begehrt. Die Machtzeichen des Herzogs wurden in den Händen der eidgenössischen Sieger zu Zeichen ihres Triumphes.

Auf dem zweiten Vorderfeld befindet sich das Wappen des Herzogs Karl der Kühne, des ehemaligen Besitzers.

Der Basler Chronist Johannes Knebel beschrieb in seiner Chronik, dass die Basler am Mittwoch, dem 14. März 1476, aus dem Krieg zurückkehrten. Sie führten dabei zwei grosse Bombarden – so nennt Knebel die Geschützrohre – mit dem burgundischen Wappen direkt vom Schlachtfeld nach Basel heim.

Nach der Schlacht von Grandson wird die Beute verteilt – hier die Darstellung in der Luzerner Chronik von Diebold Schilling dem Jüngeren.

Einer der grossen Mythen der eidgenössischen Erzählungen betrifft die Gerechtigkeit, die bei der Aufteilung der fetten Kriegsbeute gewaltet haben soll. Wie umkämpft die Verteilung tatsächlich war, zeigt sich am Beispiel des grossen Geschützes (aus Grandson/Murten). Diebold Schilling der Ältere sparte in seiner Berner Chronik nicht mit Kritik an den Plünderungen nach Grandson. Auch nach Murten beschreibt er ein Chaos: Ein Teil der zusammengetragenen Beute wurde aus dem Depot gestohlen. Die vermeintlich geordnete, gerechte Verteilung war sicher eher Wunschbild als Realität.

Die begehrten erbeuteten burgundischen Geschütze nach der Murtenschlacht im Berner Schilling.
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Eine erbeutete Rüstung aus dem 15. Jahrhundert soll Berchtold V. gehört haben? Diese spätere Wiederverwertung erscheint aus heutiger Perspektive fragwürdig…

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