

Die Büste von St. Ursus in der Solothurner Kathedrale trug bereits im 17. Jahrhundert mehrere wertvolle Schmuckstücke, gestiftet von reichen Bürgerinnen und Bürgern.
Um das Seelenheil zu sichern, den eigenen Stand zu verdeutlichen und im Gedächtnis zu bleiben, waren Votivgaben, wie die vielen «Ketten» am St.-Ursus-Reliquiar, ideal. Im Inneren der silbernen Büste wurden Überreste aus dem Grab des heiligen Ursus aufbewahrt – eine heilige Reliquie. 1519 wurde beim Umbau der Solothurner Kirche im alten Altar Überreste mit einem Verweis auf den Legionär Ursus gefunden. Der Legende nach starb er in Solothurn den Märtyrertod, weil er und seine Legion heidnische Rituale verweigerten.
In Kirchenschatzinventaren wurden Reliquien, ihre kostbaren Gefässe und weitere Schätze mit Gewichtsangaben vermerkt und dazu notiert, wer beispielsweise die vielen Ketten am Hals der St.-Ursus-Büste gestiftet hatte, darunter auch der Mariengürtel.
Die Recherche in Archivdokumenten klärt Fragen und wirft gleichzeitig oft neue auf. Auch die Herkunft des Mariengürtels bleibt geheimnisvoll.
Während der Gürtel 1648 als Gürtel aus Samt mit vergoldeten Rosen erscheint, beschreibt ihn ein späteres Inventar als «samtenen Gürtel mit vergoldeten Rosen, Kronen und Buchstaben».
Inventare sind oft nur sehr schwer mit konkreten Objekten zu verbinden, da die Einträge meist sehr knapp sind. In diesem Fall ist die Verbindung zum Mariengürtel recht klar und sie entlarvt Erstaunliches! Er war noch bis ins 18. Jahrhundert mit rotem Samt unterlegt. Die Inventare schweigen aber darüber, wer das geheimnisvolle Stück einst stiftete.

Der Mariengürtel, lange als Votivgabe mit St. Ursus assoziiert, wurde durch neue Untersuchungen im 19. Jahrhundert als erbeutete, burgundische Kette eingeordnet.
Im 19. Jahrhundert wurden viele historische Objekte neu untersucht. Unter der Lupe von Spezialisten, wie dem Antiquitätenhändler und Silberschmied Johann Karl Bossard, wird die geheimnisvolle Kette am Halse von St. Ursus neu als burgundische Arbeit und damit Kriegsbeute aus den Schlachten gegen die Burgunder erkannt.
Als solche wird sie später ins Zeughaus gebracht, wo sie noch heute neben anderen Stücken des Solothurner Anteils an der Burgunderbeute liegt. Die Entdeckung kam ganz gelegen, da viele Stücke der Beute verloren gegangen waren.
Die Geschichte der «burgundischen Kette» steht auf wackligen Beinen. Nimmt man die Glieder genau unter die Lupe, entstehen Zweifel und neue Fragen.
Als burgundische Beute wurde die «Kette» der einzigen Tochter Karls, Maria von Burgund, zugeschrieben. Die «M»-Glieder könnten durchaus auf die burgundische Prinzessin verweisen. Ketten waren am burgundischen Hof beliebt. Goldschmiede wie Gerard Loyet fertigten mehrere prächtige Werke aus solidem Gold und edlen Steinen an. Der Mariengürtel aber ist lediglich aus vergoldetem Silber und ihre «Perlen» aus günstigem Email.
Kopien von Trophäen vervollständigten im 19. Jahrhundert die unvollständige mittelalterliche Überlieferung und unterstützen grosse Geschichtserzählungen.
Kopien wie jene des berühmten Goldschmieds Bossard erschienen wie Originale. Ein löchriger «Burgunderbecher», angeblich um 1840 bei Murten ausgegraben, wurde im Familienbesitz der Bossards restauriert.
Dem nach wie vor stark beschädigten «Original» stellte Bossard eine scheinbar perfekte Kopie gegenüber – ohne Löcher, als ob man sie direkt von der Tafel Karls des Kühnen genommen hätte.
Die Inschrift macht damit auch aus dem löchrigen Bodenfund ein vermeintlich belegtes Original. Bossard widmete die glänzende Kopie zudem der Zunft zu Kämbel und damit jener Zürcher Stadtelite, die sich seit jeher mit Beutestücken als Nachkommen der siegreichen Eidgenossen inszenierten. Am Mareingürtel hatte Bossard ein ganz ähnliches Interesse wie am Burgunderbecher… die einstige Votivgabe aus dem Solothurner Kirchenschatz wurde durch die neue Zuschreibung zu einer weiteren Trophäe aus Burgund.
Das Mittelalter erschien während der Industrialisierung als Quelle der gesellschaftlichen Erneuerung. Auch aus erbeuteten Trophäen wurde Kunst.
Wie viele seiner Zeitgenossen liess sich der Luzerner Goldschmied Bossard bei seinen eigenen Arbeiten von historischen Stilen aus dem Mittelalter und der Renaissance inspirieren. Seine Skizzen und Kopien zeigen, wie sorgfältig er mittelalterliche Objekte studierte und versuchte, sie im Stil und Machart den mittelalterlichen Originalen anzugleichen. Er ergänzte und erweiterte sie aber auch.
Aus diesem praktischen Studium entstanden zudem Neuschöpfungen – «streng im Stil einer bestimmten Epoche», wie Bossard betonte.
Wo liegt die Trennlinie zwischen Rekonstruktion, Kopie und historischem Original?
Bossard arbeitete derart präzise, dass die Grenze zwischen historischem Original und Nachahmung des 19. Jahrhunderts teilweise bis heute unscharf bleibt. Im Nachlass des Silberschmieds Bossard sind separate Glieder des Mariengürtels überliefert.
Die Restaurationsarbeiten Bossards sind nicht genau dokumentiert. Er ergänzte dabei aber nicht alle Lücken. Nach wie vor endet die «Kette» an einer Stelle ohne Schliesse. Das ist ein Hinweis darauf, dass sie, bevor sie der St. Ursus-Büste umgehängt wurde, als Gürtel gefertigt wurde.

Im 19. Jahrhundert wurden an vielen Orten der Schweiz Museen gegründet. Die Burgunderbeute wurde dort auf pompöse Weise neu inszeniert und dazu neu genäht.
Das Zeughaus von Solothurn, das später selbst zum historischen Museum wurde, vereinte sowohl historische Objekte als auch Reproduktionen und sogar Fälschungen. Ein imposantes «Zelt aus dem Lager des burgundischen Herzogs» beherbergte solche zweifelhaften Exponate. Das Nachbauen des Zeltes war eine Weise, Geschichte ins Leben zu rufen und durch Prozesse der Reproduktion erfahrbar zu machen.
Die verschiedenen Objekte in der Fotografie des «Beutezeltes» sollten ein möglichst lückenloses und prächtiges Bild der Geschichte «Burgunderbeute» vermitteln.
Ob auch der Mariengürtel als vermeintlich burgundisches Beutestück Teil der Installation im Solothurner Zeughaus war, ist unklar. Bei der Landesausstellung in Genf wurden allerdings sowohl das Zelt mit seinen Begleitobjekten als auch die «Kette» als erbeuteter Schmuck der burgundischen Prinzessin Maria ausgestellt.
Eigens für die Landesausstellung des jungen Nationalstaates Schweiz von 1896 in Genf wurde ein burgundisches Zelt angefertigt.
Vor dem «Burgunderzelt» in der Genfer Ausstellung ruhte das schwere Geschützrohr aus der Burgunderbeute, das als einzig übrig gebliebener, grosser Bronzeguss des burgundischen Geschützmeisters Jean de Malines extra aus Basel durch die ganze Schweiz transportiert wurde.
Die Ausstellung rund um das Burgunderzelt verdeutlicht die fantastische Erzählung über die Burgunderbeute und den ruhmreichen Sieg der eigenen Vorfahren – eine Erzählung, die an der Landesausstellung neben anderen symbolischen Bereichen präsentiert wurde.
Nahe am Ausstellungsbereich «Antike Künste» befanden sich auch ein «Afrikanisches Dorf» und ein «Schweizer Dorf». Zeitgleich wurden neue technische Errungenschaften der Schweiz präsentiert. Damit fügte sich die Geschichte über die Burgunderbeute in das Selbstverständnis der Schweiz zwischen ruhmreicher Vergangenheit und fortschrittlicher Zukunft, zwischen dem Eigenen und dem Fremden, ein.

