





Der Geschützgiesser Jean de Malines (Mecheln) erhielt 1474 von Karl dem Kühnen den Auftrag, fünf neuartige Geschützrohre nach dem Modell einer Courtault anzufertigen.
Das in Basel erhaltene Geschützrohr ist vermutlich das älteste mit einem Schildzapfen. Schildzapfen erleichterten das Ausrichten des Rohres und erhöhten damit die Präzision der Schüsse. Die neuartigen Geschützrohre verschossen Steinkugeln und verdrängten ältere Artillerietypen weitgehend.
Frühere Geschütze wie Serpentinen oder Schlangen schossen mit ihren langen Rohren weit und mit hoher Präzision. Ihre Kugeln wogen ca. 5–15 Pfund und wurden aus Bronze, seltener aus Eisen, hergestellt.
Die kurze Courtault besetzte eine taktische Lücke zwischen der präzisen, aber unhandlichen Schlange und den leichteren Feldgeschützen. Sie verfügte über weniger Reichweite als die Schlange, war aber beweglicher und auf mittlerer Distanz oder bei Belagerungen gut einsetzbar. Zeitzeugen beschreiben die zerstörerische Kraft der neuen Geschützrohre.
Mittels einer Inschrift auf dem Geschützrohr spricht die Kanone selbst.
Sie erzählt, dass sie vom flämischen Waffenschmied Jean de Malines (Mecheln) 1474 erschaffen wurde. Doch wir erfahren nicht nur den Namen des Kanonengiessers und das Jahr des Gusses. Weitere Details auf dem Geschützrohr machen deutlich, dass es explizit für Karl den Kühnen gegossen wurde.
Das zweite Segment des Geschützrohrs wird vom Wappen des burgundischen Herzogs geziert, das abwechselnd mit den Elementen von dessen Bilddevise erscheint.
Beutestücke mit dem Wappen Karls des Kühnen waren besonders begehrt. Die Machtzeichen des Herzogs wurden in den Händen der eidgenössischen Sieger zu Zeichen ihres Triumphes.
Der Basler Chronist Johannes Knebel beschrieb in seiner Chronik, dass die Basler am Mittwoch, dem 14. März 1476, aus dem Krieg zurückkehrten. Sie führten dabei zwei grosse Bombarden – so nennt Knebel die Geschützrohre – mit dem burgundischen Wappen direkt vom Schlachtfeld nach Basel heim.
Einer der grossen Mythen der eidgenössischen Erzählungen betrifft die Gerechtigkeit, die bei der Aufteilung der fetten Kriegsbeute gewaltet haben soll. Wie umkämpft die Verteilung tatsächlich war, zeigt sich am Beispiel des grossen Geschützes (aus Grandson/Murten). Diebold Schilling der Ältere sparte in seiner Berner Chronik nicht mit Kritik an den Plünderungen nach Grandson. Auch nach Murten beschreibt er ein Chaos: Ein Teil der zusammengetragenen Beute wurde aus dem Depot gestohlen. Die vermeintlich geordnete, gerechte Verteilung war sicher eher Wunschbild als Realität.

Neue Kriegstechnik führte zu einer neuen Art von Krieg.Das wird in der Schlachtenmalerei zur Zeit der Burgunderkriege und der folgenden Jahrzehnte deutlich.
Die Entwicklung von neuen Waffen – wie die bronzenen Geschützrohre Karls des Kühnen – führte zu anderen Strategien, aber auch zu anderen Formen von Verletzungen. In einer Zeichnung des Söldners Urs Graf von der Schlacht bei Marigniano 1515 wird die zerstörerische Wirkung der Sprengkraft dieser Geschützrohre eindrücklich vor Augen geführt.
In Marignano verloren ca. 20›000 eidgenössische Söldner im Dienst des Herzogs von Mailand ihr Leben. In Grafs Darstellung finden sich zwar Geschützrohre und eine Explosion, aber die Gewaltspuren an den Körpern der Gefallenen im Vordergrund sind durch Hauen und Stechen entstanden.
Die Wirkung von Geschützen bleibt in den Illustrationen der Schilling Chroniken ambivalent. Die Geschütze erscheinen als vielseitige Waffen bei Belagerungen und im Feld, aber nicht als entscheidender Faktor in der Schlacht. Über den Kampf bei Nancy berichtete der Chronist Schilling, dass die Eidgenossen die mächtigen Kanonen des Herzogs umgehen konnten. Die Feldschlangen hingegen konnten nicht schnell genug neu ausgerichtet werden und entfalteten deshalb kaum Wirkung.
Die Darstellung der Schlacht bei Murten im Luzerner Schilling beruht vermutlich auf einem grossen Gemälde von 1480 im Freiburger Rathaus. Der Druck von Martin Martini aus dem 17. Jahrhundert basierte wahrscheinlich, wie die Darstellung im Luzerner Schilling, auf diesem verlorenen Bild in Freiburg. Auch in dieser Darstellung geht die Gewalt nicht primär von den Geschützen aus.
Schlachtendarstellungen generell, auch in den Chroniken, hatten nicht primär eine dokumentarische Funktion. Der tatsächliche Blutzoll von Geschützen in den Burgunderkriegen bleibt unklar. Im Bild von Urs Graf mit den römischen Kriegsgöttern Mars und Bellona wird die tödliche Wirkung von Kanonen deutlicher: Auf einer rauchenden Kanonenkugel gleiten die Unheilsbringer über das kriegsversehrte Land.
In den Burgunderkriegen plünderten beide Kriegsparteien die umliegenden Gebiete, sehr zum Leidwesen der Bewohner:innen. Glanzvolle Trophäen wie das burgundische Geschützrohr verschweigen diese Kriegsgewalt, selbst wenn man ihre einstige militärische Wirkung bedenkt.
Schilling betonte für seine Berner Auftraggeber die Grausamkeit der Burgunder an der Zivilbevölkerung und ihre Schändung von Kirchengut. Besonders bei der Eroberung der Waadt und den Plünderungen im Elsass 1475 wüteten die Eidgenossen aber auf gleiche Weise.
Betroffen von der kriegerischen Gewalt waren auch Frauen. Die entsprechenden Darstellungen bei Schilling dürften auch mit einem ideologischen Interesse an der sexualisierten Darstellung der Burgunder und Karls des Kühnen zusammenhängen.
Gewalt nahm viele Formen an. Die hochtechnisierten Kanonen Karls des Kühnen waren nur eine Erscheinungsform tödlicher Schlagkraft, und ihre Wirksamkeit als Kriegsinstrumente in den Schlachten gegen die Eidgenossen ist alles andere als eindeutig.

Im spätmittelalterlichen Zeughaus von Basel scheinen die Geschütze gar selbst von ihrer Schlagkraft zu reden.
Die Basler führten zwei grosse Bombarden mit dem burgundischen Wappen direkt vom Schlachtfeld nach Basel heim. Sie wurden im Zeughaus am Petersplatz aufbewahrt. Die Waffenkammer war 1438 als Getreidespeicher gebaut worden und diente bis ins 18. Jahrhundert zur Lagerung von Waffen und Getreide. Vom Gebäude des Zeughauses ist fast nichts mehr erhalten.
Vom Zeughaus in Basel haben sich noch Fragmente der spätmittelalterlichen Wandmalereien erhalten. Sie zeigen die alte Anordnung der dort präsentierten Geschütze um 1474, bevor die burgundischen Beutestücke hinzukamen. Rechts vom «Widder» und der «Rennerin» war später eines mit dem Namen «Burgund» aufgestellt worden – das Geschützrohr, welches noch heute im Historischen Museum Basel verwahrt wird.
Ein gereimter Vers rühmte die Vorzüge jeder Waffe, jeweils in der ersten Person formuliert. Die Namen der Geschütze lassen sich sinnbildlich auch in den beigefügten Figuren erkennen. So sieht man die sogenannte Rennerin im fliegenden Galopp mit erhobener Peitsche ihrem Schriftband hinterherjagen. Nach den Burgunderkriegen konnte man an der Wand den neuen Reim lesen: «Burgund bin ich genandt – brich Maur und Want». Neu hinzugekommen war nicht nur «Burgund», das Geschützrohr aus der Werkstatt Jean de Malines, sondern auch der «Strauss» aus Grandson und der «Rauch» aus Murten.
Die «Burgund» von Jean de Malines verliess das Zeughaus 1874 und wurde in die städtische Mittelaltersammlung gebracht. Diese formte bei der Gründung des Historischen Museums 1894 den Kernbestand.
Mögliche Spuren der verlorenen vier Geschützrohre aus der gleichen Serie wie die «Burgund» in Basel tauchen an verschiedenen Orten auf.
Das Basler Zeughausinventar listete bis in die 1790er Jahre zwei burgundische Kanonen mit demselben Kaliber auf. 1874 wurde jedoch nur eine davon in das entstehende Historische Museum überführt.
Ab dem Inventar von 1837 taucht nur noch ein Geschützrohr in den Inventaren auf. In einem Verzeichnis eingeschmolzener Geschütze aus der Zeit der Helvetik stimmt das Gewicht eines vergleichbaren Geschützrohres jedoch nicht mit dem heute noch erhaltenen Geschützrohr überein. Die zweite Bombarde, die gemäss dem Basler Chronist Knebel 1476 aus den Burgunderkriegen nach Basel kam, bleibt also ein Rätsel.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass alle vier anderen Geschützrohre aus dem Konvolut, die Jean de Malines 1474 für Karl goss, eingeschmolzen wurden. Aber wo geschah dies? Und wann?
Ein Archiveintrag aus Freiburg von 1503 erwähnt eindeutig eine burgundische Kanone mit Drachenkopf, die in Größe, Form und Länge der in Basel erhaltenen Kanone entsprechen könnte. Frei übersetzt lautet der Eintrag, «[…] eine grosse burgundische Kanone, mit einem Drachenkopf am Ende, der in der Mitte einen Ring trägt und vorne ausgedreht, steht auf einem zweirädrigen Karren (reding).»
Dieses Geschützrohr, das in Freiburg vor dem Neubau des Zeughauses im Rathaus aufbewahrt wurde, hat sich jedoch nicht erhalten.
Das Berner Zeughausinventar von 1719 verzeichnet zwei burgundische Kanonen von ähnlicher Größe und ähnlichem Kaliber wie das in Basel erhaltene Exemplar. Die Berner Kanonen existieren ebenfalls nicht mehr. Wurden sie vielleicht 1798 zusammen mit anderen Beutestücken aus dem Berner Zeughaus und Rathaus von den französischen Truppen mitgenommen?
Ein Geschützrohr im Zeugbuch Kaiser Maximilians ist dem burgundischen Geschützrohr in Basel zum Verwechseln ähnlich. Ist das womöglich einer der fünf von Jean de Malines?
Wie exakt die Zeichnung der «Burgunderin» im Zeugbuch Maximilians ist, bleibt unklar. Ein weiterer Hinweis bestätigt allerdings die Vermutung, dass diese Zeichnung ein anderes Geschützrohr zeigt als die «Burgund» im Basler Zeughaus…
Die «Burgunderin» im Zeugbuch und bei der Belagerung 1504 war wohl ursprünglich im Besitz Karls des Kühnen und kam als Beute im Konflikt zwischen den Burgundern und den Habsburgern 1474/75 in die Hände der kaiserlichen Truppen und so später in den Besitz von Kaiser Maximilian I. Die «Burgunderin» war also auch burgundische Kriegsbeute, aber nicht aus den Konflikten mit den Eidgenossen. Das prächtige Zeugbuch zeigt zudem anschaulich, wie solche Kriegswaffen hergestellt wurden. Auf einer weiteren Seite derselben Handschrift werden verschiedene Metallsorten dargestellt. Besonders eindrücklich ist der Kupferbarren am linken Bildrand.
Ziel dieser repräsentativen Handschrift war es, Innovationen im Bereich der Artillerie zu dokumentieren und Maximilians Macht zu demonstrieren. Alte und neuartige Geschütze wurden hier beschrieben, porträtiert und illustriert.

Das Geschützrohr kennt man bis heute als Burgunderbeute, andere Formen von Kriegsbeute sind in Vergessenheit geraten.
Teil davon waren auch mutmasslich 3000 Frauen. Die Kanone war unter dem weiblichen Namen «Burgunderin» bekannt, die Lagerfrauen im Berner Schilling bleiben aber fast vollständig anonym. Ihre Lebensrealität bleibt eine Lücke.
In diesem Beuterödel in Luzern wird an einzelnen Stellen deutlich, wie Frauen am Handel mit der Beute beteiligt waren. Sie erscheinen als Akteurinnen im Versuch, ihre Lebensumstände zu verbessern und am Profit von Kriegsbeute teilzuhaben. Die Quelle verweist auch auf ihre Rolle als Sexarbeiterinnen.
Der Fokus auf die sexuellen Dienstleistungen von Frauen ist bei Schillings Illustration besonders deutlich, auch wenn er zwischen drei Gruppen von Frauen unterscheidet: den 3000 Frauen der Burgunder, den Fahnenträgerinnen bzw. von den Städten besoldeten Frauen, die das Auszugsheer begleiteten, und den akkreditierten Prostituierten im burgundischen Heer. Diese drei Gruppen sind nicht miteinander gleichzusetzen.
Karl der Kühne hatte in seinen Heeresordnungen die Zahl der Frauen pro Kompanie von 900 Mann auf 30 beschränken lassen. Diese unterstanden einem Offizier (in den deutschen Heeren des Dreissigjährigen Krieges wurde dieser «Hurenwirt» genannt). Diese Frauen waren akkreditiert, das heisst, sie mussten einen Betrag bezahlen und wurden dann in den Tross eingegliedert. Ein ähnliches Verhältnis galt für die Kaufleute, welche das Heer versorgten.
Der Basler Söldner Urs Graf schuf Kunst, in der seine Kriegserfahrungen mit großem psychologischem Gewicht zum Ausdruck kamen.
Die Zeichnungen von Urs Graf, die etwa vierzig Jahre nach den Burgunderkriegen entstanden sind, geben Einblicke in die Lebenswirklichkeit der das Kriegsheer begleitenden Frauen, auch wenn dies erneut nur aus der Perspektive eines zeichnenden Mannes geschieht. Ob bzw. inwiefern diese Zeichnungen historische Wirklichkeit abbilden, bleibt aber letztlich Spekulation.
Urs Graf stellt in seinen Zeichnungen Frauen dar, denen er Söldner im Krieg begegnet sein könnte. Er zeigt sie in der Regel in Begleitung eines Mannes. In dieser Zeichnung ist die Frau mit dem langen Kleid eindeutig als eine gekennzeichnet, die in den Krieg zog, erkennbar an ihrem hochgerafften kurzen Oberrock, ihr Dolch steckt griffbereit hinten im Gürtel.
Der möglicherweise bevorstehende physische Kontakt zwischen Frau und Krieger ist über Körperhaltung und Blick spannungsvoll inszeniert. Dargestellt ist eine der vielen Frauen, die in Kriegsprostitution eine Erwerbsmöglichkeit sah. Für den Dreissigjährigen Krieg mit seinen Massenheeren, hat der Forscher Jan Peters den Begriff des «Arbeits- und Beutepaares» etabliert. Frauen sind in der Regel in Begleitung eines Mannes oder einer anderen Frau dargestellt.
Die Vertrautheit und Nähe, die zwischen den Begleiterinnen und den Soldaten auf den Feldzügen entstehen konnte, haben auch die Zeichnungen von Urs Graf in eindrücklicher Vielfalt eingefangen – ungeachtet der Frage, ob diese Nähe selbstbestimmt oder durch Zwang zustande kam.
Hier sieht man drei Reisläufer am Ufer eines Sees, ihre Begleiterin reicht ihnen die Flasche, der Hund links im Vordergrund schläft tief und hat den Kopf in seinem Fell vergraben. Das einzig sichtbare rechte Auge ist geschlossen, die eheliche Treue, für die der Hund steht, ist für den Moment in den Hintergrund getreten. Die drei Krieger sind mit zwei Halbarten und einem Langspiess sowie ihren Schwertern und Dolchen am Gürtel oberhalb der Schamkapsel bewaffnet. Sie sollten wohl Wache halten.
Diese eine Frau stellt Urs Graf jedoch anders dar als andere Lagerfrauen in seinen Bildern. Hier ist der Horizont sehr viel höher, auf der Höhe der Brüste der Frau. Grafs zeichnerischer Blick drückt Respekt und Hochachtung aus, der Stolz der versehrten Frau wird deutlich, trotz ihres fast abgewandten, nach unten gerichteten Blickes. Graf und mit ihm die Bildbetrachter:innen blicken von unten zu ihr auf. Damit vermittelt Graf einen besonderen Respekt gegenüber der Frau und weckt Empathie, indem er sie alleine, ohne männlichen Begleiter und nachdenklich in der Landschaft sinnierend stehen lässt. Ob das Fehlen ihrer Körperglieder ein Ergebnis neuer Waffen wie Karls Geschütze bleibt unklar.

Aus alt mach neu! Manchmal wurden selbst eroberte Trophäen eingeschmolzen, um aus dem Metall modernere Waffen zu giessen.
Die Geschützrohre des burgundischen Herzogs konnten wichtige Kriegstrophäen darstellen, die den unwahrscheinlichen Triumph der Eidgenossen über eine technologisch fortgeschrittene Armee symbolisierten. Gleichzeitig benötigte eine Stadt militärisch einsatzfähiges und technologisch aktuelles Geschütz.
Nach dem Eintreffen der burgundischen Beute nutzte die Stadt Basel die Gelegenheit, Material aus veralteten Waffen einzuschmelzen und wiederzuverwenden. Sie gab 1513 den Guss eines neuen Geschützrohrs namens «Der Drache» in Auftrag. Dabei liess sich der Waffenschmied Jörg von Guntheim aus Strassburg vermutlich von anderen Geschützen aus der Burgunderbeute inspirieren. Er schuf nicht nur ein neues Geschütz, sondern einen zweiten «Drachen», der auf die burgundische Trophäe im selben Zeughaus verwies.
Am Neuguss von Guntenheim fallen zudem die sechseckigen Elemente des Rohres auf. In anderen Schweizer Sammlungen – in St. Gallen und Bern – haben sich Fragmente burgundischer Geschütze mit sechseckig gestalteten Teilen der Geschützrohre mit dem burgundischen Wappen erhalten, die erstaunliche Geschichten erzählen.
Explodierte vor Bern ein burgundisches Geschütz? Bern wurde in der Zeit nach den Burgunderkriegen nie belagert. Allerdings ist das zeremonielle Abfeuern alter Trophäengeschützen an anderer Stelle belegt. Umzüge und theatralische Gefechte fanden immer wieder statt. Vielleicht zerriss die Zündkammer des siebzehnkantigen Rohres bei einer solchen Aktion auf den Feldern vor der Stadt? Der Fundort bei der späteren Hallerstrasse lag schliesslich vor den Schanzen und Mauern der alten Stadt Bern.
Erbeutet hatte dieses Rohr aber nicht etwa die St. Galler. Der Fundort legt vielmehr nahe, dass Eidgenossen das in den Burgunderkriegen erbeutete Geschütz 1490 in einem Konflikt gegen die St. Galler richteten.
Wie der Einsatz der explodierenden burgundischen Kanone war die Belagerung aber nur von kurzer Dauer. Die Eidgenossen zwangen den eigentlich zugewandten Ort St. Gallen, Hoheitsrechte des mit der Stadt konkurrierenden Klosters St. Gallen zu akzeptieren.
Glocken wie Kanonen konnten mit ihrem Klang drohende Gefahr ankündigen oder auch Feierlichkeiten markieren. Beide gehörten zur spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Klanglandschaft, sowohl im Krieg als auch im Frieden.
Die Inventare des Basler Zeughauses suggerieren, dass das Metall von Glocken und Kanonen zum Guss neuer Glocken und Geschützrohre verwertet wurde. Aus Glarus ist überliefert, dass nach den Schlachten gegen Karl den Kühnen aus besonders grossen Geschützen neue Kirchenglocken gegossen wurden. 1856 riss eine dieser Glocken. Auf dem Neuguss prangte die Inschrift: «Unter St. Fridolins Banner ward ich erbeutet, in St. Fridolins Kirche werd› ich geläutet, Gott der Herr behüte St. Fridolins Land.» Dieser Spruch griff die alte Herkunftserzählung und wahrscheinlich auch die alte Gravur der Glocke auf. Die Glarner zogen unter dem Banner des heiligen Fridolin in die Burgunderkriege. Der Stadtbrand von 1861 zerstörte die «Burgunderglocke(n)» schliesslich endgültig.
Wie das erbeutete Geschützrohr im Basler Zeughaus sprachen auch Glocken oft in der ersten Person durch Inschriften. Ihre Sprüche konnten auf die Herkunft des Materials bei Neugüssen aus Beute verweisen und damit die Trophäen erhalten oder transformieren. Gleichzeitig sprachen Glocken und Kanonen auch bei ihrem Gebrauch durch Knall und Klang. In den Schilling Chroniken erscheinen die Burgunder mit viel Lärm. Die Eidgenossen dagegen sind eine stille Macht.
Diese Symbolik des Klangs wurde ähnlich auch in den neugegossenen Glocken vermittelt. Aus bedrohlichen Burgundergeschützen wurde das Geläut der frommen Glarner und das Gedenken an den Sieg in ihrer Kirche.

In Basel wie in Bern und Zürich gehörten Teile der Burgunderbeute bei der Gründung der jeweiligen historischen Museen zum Kernbestand.
Die Beute war wie ein Siegeszug angeordnet. Und dennoch ging das Geschützrohr inmitten der vielen Objekte unter, die wie im alten Zeughaus den Überfluss an Waffen und Trophäen zeigen sollten. Das neu eröffnete Historische Museum inszenierte eine Ruhmesgalerie erbeuteter Objekte.
Die Art der Präsentation der Burgunderbeute in den Schweizer Museen an der Wende zum 20. Jahrhundert schliesst an Praktiken des 19. Jahrhunderts an, mit Gedenkfeiern an die vergangenen Schlachten eine nationalistisch aufgeladene, identitätsstiftende bürgerliche erträumte Geschichte zur «eigenen» ruhmreichen Vergangenheit zu zelebrieren.
Die Burgunderbeute war das Kernstück des neu errichteten historischen Museums in Bern. Sie wurde prominent in der Tradition eines Zeughauses in der zentralen Halle des ersten Geschosses ausgestellt.
Ein halbes Jahrhundert später ist ein Teil ein Stockwerk tiefer ausgestellt. In der dramatischen Inszenierung im Eingangsbereich schwingt ein barocker Herkules seine Keule. Drei Geschützrohre, eines auf einem Holzpodest und zwei auf Lafetten montiert, begrüssten die Besucher:innen. Diese Inszenierung lässt den Zweiten Weltkrieg erahnen, der zu dieser Zeit jenseits der Landesgrenzen tobte.
1969 wurden die Kanonen in einer Wechselausstellung im Bernischen Historischen Museum zusammen mit den kunstvollen Burgundertapisserien ausgestellt. Die Geschütze wurden als Kunst gerahmt.
In der Ausstellung wurde nicht militärische oder institutionelle Geschichte erzählt; vielmehr standen die Burgunderbeute und die Kunst am Hof Karls des Kühnen im Zentrum. Die kriegerischen und triumphalen Inszenierungen wichen dem neuen «White Cube»-Effekt einer modernen Kunstausstellung.
Militärische Objekte spielen – mit wenigen Ausnahmen – in Museen inzwischen eine marginalisierte Rolle. Dennoch trugen sie massgeblich zur Konstitution von kulturellem Erbe bei.
In Basel wie in vielen Schweizer historischen Museen wurde in der Nachkriegszeit ein neuer Akzent gesetzt. Kriegstechnik wanderte häufig ins Depot oder in den Keller. Sie spielte hiermit eine wortwirklich untergeordnete Rolle in der Erzählung eines geteilten historischen Erbes. Heute werden aber neue Ausstellungsformen erprobt, die dieses Erbe anders rahmen.
Im Basler historischen Museum wird das burgundische Geschützrohr zusammen mit anderen Beuteobjekten und Waffen neben der Rekonstruktion eines frühneuzeitlichen Kunstkabinetts präsentiert. Das erinnert daran, dass Beuteobjekte, Kunstobjekte und Wissenschaftsobjekte Teil derselben historischen Sammlungen waren. Erst mit der Trennung von Kunst, Geschichte und Wissenschaft in den Museen seit dem 19. Jahrhundert wurde diese Einheit gebrochen. Vielleicht ist die Burgunderbeute auch gerade deshalb im Basler Museum in einem getrennten Abteil der Kunstkammer?
Nun wurde «Kunst» und «Krieg» als Teil einer Gesamtgeschichte erzählt. In der Wechselausstellung des Bernischen Historischen Museums zur Kunst am Hof Karls des Kühnen mit dem Untertitel «Glanz und Untergang des letzten Herzogs von Burgund» (2008) wurde die Herkunft der Sammlungsstücke aus der Burgunderbeute nicht verschwiegen, sondern explizit erläutert.
In der jüngsten Präsentation «Murten ausgeschlachtet. Ein Sieg wird in Szene gesetzt» im Bernischen Historischen Museum (2026) werden Objekte der Burgunderbeute aus den Museen von Zürich, Basel, Bern u. a. wieder in Anspielung auf triumphale Präsentationen in alten Zeughäusern zusammengestellt. Diese Präsentationsart hinterfragt bewusst die damit verbundenen Geschichtserzählungen. Denn die Leistung von kulturellem Erbe, Identität zu stiften, ist eine Geschichte voller Gewalt.