







Die Königinwitwe eignete sich die Andachtstafel des verstorbenen Königs an, brachte sie ausser Landes und versteckte sie in ihrer Heimat im Kloster.
Agnes von Habsburg (um 1280–1364) musste nach dem Tod des ungarischen Königs Andreas III. aus Ungarn zu ihrer Herkunftsfamilie nach Wien flüchten.
Ihre Kleinodien brachte sie im Augustinerkloster Klosterneuburg in Sicherheit. Mutmasslich gehörte dazu auch das Diptychon, welches für ihren Ehemann geschaffen wurde.
Ist es ihr rechtmässiges Erbe, hat sie es sich einfach angeeignet, oder verwaltete sie es treuhänderisch für ihre minderjährige Stieftochter aus der ersten Ehe von Andreas III.?

Die Stifterfamilie schenkt dem Kloster kostbare Gegenstände im Vertrauen auf wirkungsvolle Gebete der Nonnen.
Eine Urkunde von 1357 listet rund 220 Gegenstände auf, die die Habsburger dem Kloster Königsfelden für den Vollzug einer prächtigen Liturgie geschenkt hatten. Sie verbietet für alle Zeiten jede Veräusserung, Verpfändung oder Veränderung der Gegenstände.
Die Geräte aus Edelmetall und kostbare Kirchengewänder versinnbildlichten in den Augen der Stifterfamilie die Herrlichkeit Gottes; die Reliquien von Heiligen brachten Heil für das Diesseits und das Jenseits.
Dank dieser materiellen Grundlage sollte bis in die Ewigkeit für die Stifterfamilie gebetet werden.
Die Ehefrau und die älteste Tochter des ermordeten Königs engagieren sich für die Gründung und Ausstattung des Klosters Königsfelden.
Das Kloster wird genau dort gegründet, wo der deutsche König Albrecht I. von Habsburg ermordet wurde.
Elisabeth von Görz-Tirol, die Ehefrau, und Agnes von Habsburg, die älteste Tochter, setzen viel Vermögen ein für die Schenkung kostbarer Kirchenausstattung.
Elisabeth verschenkt die Grundausstattung für den Gottesdienst, Agnes ergänzt diese durch Reliquien und kostbare Reliquiare sowie durch exquisite Textilien.
Goldschmiedekunst ist auch eine Wertanlage. Wer hat wann die heute fehlenden Schmucksteine entfernt?
Rund 200 kostbare Steine, vor allem Jaspise und Chalcedon, schmückten ursprünglich die Tafel.
Rund ein Drittel davon ging im Laufe der Zeit verloren, entweder nach und nach oder auf einmal.
Einige Steine wurden samt ihren Fassungen an eine neue Position verschoben.
Alle Perlen dürften erst in einer zweiten Phase hinzugekommen sein.
Über die Gründe für diese Veränderungen und ihren Zeitpunkt lässt sich nur spekulieren.

Venezianische Kunsthandwerker waren hervorragende Steinschleifer und fertigten raffinierte Gegenstände.
Venedig war im 13. Jahrhundert ein Zentrum für die Produktion von Bildwerken mit exquisiten Materialien wie Ornamentsteinen aus aller Welt: Perlen, Gold und Bergkristall. Zudem wurden Buchmalereien auf Goldgrund in solche Goldschmiedewerke eingefügt. Es entstanden sowohl weltliche Luxusprodukte wie Gegenstände für den Gottesdienst.
Die Luxusprodukte wurden weit verbreitet – als exquisite Geschenke für Fürstenhöfe oder für Klöster und Kirchen kamen sie bis in den östlichen Mittelmeerraum und gar bis in den Kaukasus.
Mächtig war, wer über kostbare Gegenstände verfügte.
Das Bildprogramm der klappbaren Tafel stützte den Anspruch von Andreas III. aus dem Geschlecht der Arpaden auf den ungarischen Thron. Es thematisiert seine Herkunft aus einer besonders geheiligten Sippe.
Aussen herum sind nämlich die heiligen königlichen Vorfahren dargestellt sowie die beliebte heilige Elisabeth von Thüringen, eine Verwandte von Andreas III. Auch der Apostel Andreas, der Namenspatron des Königs, ist abgebildet.

Die Reformation kämpfte um den «richtigen» Glauben. Das führte zu massiver materieller Zerstörung, zur Verschiebung von Objekten und zu Enteignungen.
Die Veränderungen des Gottesdienstes und die Aufhebung der Klöster in den protestantischen Gebieten der Eidgenossenschaft verursachten tiefgreifende Veränderungen in allen Lebensbereichen. Besonders betroffen waren religiöse Gegenstände. Diese wurden zerstört, disloziert und vielfach enteignet. Die reformierten Theologen rechtfertigten den massiven Rechtsbruch mit dem Rückgriff auf die Bibel. Heiligenbilder würden von der richtigen religiösen Praxis ablenken, lautete ihre Begründung.
Die Obrigkeit konfiszierte aus ideologischen Gründen religiöse Objekte.
Die Berner Obrigkeit beschloss im März 1528 die Aufhebung des Klosters Königsfelden und verbot dort das Lesen der Messe.
Der bernische Klostervogt befahl die heimliche Überführung des Kirchenschatzes ins Schloss Lenzburg, das damals Bern unterstand. Dort wurde der Schatz auf einer heute verlorenen Liste erfasst.
Im März 1528 wurde der gesamte Klosterschatz nach Bern abtransportiert.
Im reformierten Bern wurden konfiszierte Ritualgeräte aus den Klöstern eingeschmolzen, vor allem um Münzen zu prägen.
Im Auftrag der Obrigkeit bearbeiteten Goldschmiede die kirchlichen Geräte.
Sie trennten Gold und Silber und schmolzen es zu Silber- und Goldbarren für die Münzprägung. Das hatte einen doppelten Zweck: Die Gerätschaften des altgläubigen, also katholischen, Kults wurden zerstört und unbrauchbar gemacht. Das so gewonnene Silber aber konnte – in Form von Geld – für soziale Zwecke wie die Speisung von Armen und Kranken verwendet werden. Aus den eingeschmolzenen Objekten aus Königsfelden gewann man mindestens 32 Kilogramm Silber.
Wenige Einzelstücke entgingen der reformatorischen Zerstörung. Sie wurden in den Staatsschatz integriert. Wer hat das wohl entschieden?
Wenige und aus heutiger Sicht herausragende Stücke aus dem Königsfelder Klosterschatz entgingen der Zerstörung. Sie wurden ins Rathaus gebracht und dort aufbewahrt.
Bereits im mittleren 16. Jahrhundert wurden sie offenbar in einer Liste erfasst. Diese ist aber nicht überliefert. Wer sich für den Erhalt dieser Werke einsetzte, wissen wir nicht. Ist es nur Zufall, dass es sich durchweg um ausserordentlich kunstfertige Werke handelt? Oder wählten die Entscheidungsträger mit Absicht die kunsthandwerklich perfekten Stücke aus?

In der Berner Kunst- und Wunderkammer stellte man die Bildtafel aus dem Frauenkloster als Besitz von Karl dem Kühnen aus.
1696 wurde das Diptychon aus dem Rathaus in die Stadtbibliothek transferiert. Fortan war es dort als Sehenswürdigkeit neben anderen kunstvollen Werken («artificia») ausgestellt.
Es sei der Feldaltar von Herzog Karl dem Kühnen und gehöre zu der Burgunderbeute.
Neue Bedeutungsschichten legen sich über das Werk: Es ist Ausweis höchster künstlerischer Qualität, denn der Hof Karls des Kühnen war künstlerisch tonangebend. Gleichzeitig wird es zum Symbol der militärischen Erfolge der Berner, denn diese erbeuteten das persönliche Eigentum des Herzogs.
Bücher, Steine, Tierpräparate, ethnologische Artefakte, archäologische Funde und Beuteobjekte wurden katalogisiert und ausgestellt.
Ab 1775 gab es einen Neubau für die städtische Bibliothek.
Gemälde und Bücher wurden im vornehmen Obergeschoss aufgestellt. Im Erdgeschoss standen dicht auf dicht die übrigen Sammlungen: Naturhistorische Zeugnisse (Mineralien, Fossilien, Tier- und Pflanzenpräparate), archäologische Funde und «Ethnographica».
Nach wie vor war der Feldaltar Karls des Kühnen ein Hauptwerk, von dem es 1827 hiess, er scheine «byzantinischen Ursprungs zu sein». Er war ausgestellt zwischen arktischer Kleidung aus Kanada, persischen Pantoffeln und archäologischen Waffen.

Ein katholischer Priester im reformierten Bern entlarvte vermeintliche Gewissheiten als Wunschbilder.
Jakob Stammler betreute in Bern die kleine katholische Gemeinde und erforschte die lokalen mittelalterlichen Museumssammlungen. Als praktizierender Priester kannte er die sakralen Funktionen mittelalterlicher Gegenstände besser als die lokalen protestantischen Forscher.
So wies er nach, dass viele Gegenstände, die bis anhin als Burgunderbeute galten, aus konfiszierten mittelalterlichen Kirchenschätzen stammten.
Der «Feldaltar Karls des Kühnen» wurde in Venedig hergestellt und kam mit dem Schatz von Königsfelden nach Bern. Mit dem Burgunderherzog hat er nichts zu tun.
Der Theologe Jakob Stammler erkannte anhand von mittelalterlicher Pergamentmakulatur die Provenienz eines Altarbehangs.
Im Auftrag des Museums restaurierte Maria Mürset einen Altarbehang im Historischen Museum und förderte mittelalterliches Pergament als Füllmaterial zu Tage: eine Urkunde und Fragmente einer in der klösterlichen Schreibstube kopierten liturgischen Handschrift.
Stammler leitete aus der Einordnung der Urkunde die zur Herkunft des Altarbehangs aus dem Kloster Königsfelden ab. Wie das Diptychon war das Textil bisher stets zur Burgunderbeute gezählt worden. Die anlässlich der Restaurierung entfernten Pergamente blieben im Museum für mehr als 100 Jahre verschollen.
Ein mobiles Röntgengerät durchleutete das Diptychon und wies grobe Eisennägel nach.
Forschende hatten die Vermutung aufgestellt, dass die rechte und die linke Seite der Klapptafel einst vertauscht worden seien.
Dem ist aber nicht so. Ein Röntgenbild des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern zeigt, dass die Scharniere zwischen den Tafeln nie verändert wurden. Sie sind tief ins Holz versenkt.
Erstaunlich sind auch die langen Nägel, die oben und unten die Rahmenleisten an der Grundplatte fixieren. Von aussen ist das nicht zu erkennen, denn die Nagelköpfe sind sorgfältig eingetieft und abgedeckt worden.
Jede Kopie hat Lücken. Ein Scanroboter kann den Glanz des Goldschmiedewerks nicht perfekt imitieren.
Neueste 3D-Technologie erbringt oft verblüffend echte Resultate in der dreidimensionalen Imitation von historischen Objekten. Solche Kopien dienen der wissenschaftlichen Forschung und der Dokumentation. Manchmal kommen solche Repliken auch in Ausstellungen zum Einsatz, wenn etwa die Originale für den Leihverkehr zu fragil sind. Die Wiedergabe von glänzenden glatten Metalloberflächen ist aber technisch noch äusserst schwierig.
Die Resultate eines Scanroboters befriedigen noch nicht so recht. Reflektierende Oberflächen können auf diese Weise noch nicht nachgeahmt werden.




