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Susan
Story aus Silberschale
Silber stapeln

Die Tische des Herzogs waren prachtvoll geschmückt. Silberne und goldene Schalen, Becher und Kelche waren dabei weit mehr als wertvolles Geschirr.

Susan
Story aus Silberschale
Durstige Schweizer

Auch im Besitz Liestals blieb die Burgunderschale nach 1800 ein rituelles Trinkgefäss – nun aber im Sinne der Stadt als Teil des jungen Nationalstaates.

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Juwelen auf dem Markt

Edelsteine wechselten oft die Hand. Besondere Stücke wurden von Herrschenden häufig verpfändet, um Geld zu beschaffen, oder von Rivalen erworben.

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Fragile Gewebe

Fahnen zerfallen schnell. Um die Erinnerung an die Trophäen zu bewahren, begannen die Eidgenossen, Kopien anzufertigen.

Susan
Story aus Banner
Von der Kirche zur Waffenkammer: Hallen der Helden?

Im 16. Jahrhundert verlagerte Zürich seine Fahnen von der Kirche ins Zeughaus, wo sie inventarisiert, ausgestellt und aufbewahrt wurden.

Susan
Story aus Banner
Nationales Fahnenschwingen

Zu bestimmten Momenten der Geschichte wuchs erneutes Interesse an erbeuteten Fahnen, zum Beispiel im 19. Jahrhundert nach der Gründung der Schweiz 1848, wo sie in Festspiele integriert waren.

Susan
Story aus Banner
Bedeutet Konservieren verstecken?

Fahnen wurden in der Nachkriegszeit zunehmend vor Licht und Luft geschützt aufbewahrt und nicht mehr den Museumsbesuchenden zur Schau gestellt.

Susan
Story aus Banner
Pflegerinnen der Geschichte

In Schweizer historischen Museen waren Museumskuratoren meist Männer. Frauen wurden eingestellt, um Textilobjekte – darunter Fahnen – zu pflegen.

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Gut organisierte Enteignungen

Die Obrigkeit konfiszierte aus ideologischen Gründen religiöse Objekte.

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Aus einem Schatz wird Geld

Im reformierten Bern wurden konfiszierte Ritualgeräte aus den Klöstern eingeschmolzen, vor allem um Münzen zu prägen.

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Beute in der Bibliothek

Bücher, Steine, Tierpräparate, ethnologische Artefakte, archäologische Funde und Beuteobjekte wurden katalogisiert und ausgestellt.

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«Konfessionelle Beute»

Wer herrscht, bestimmt die Konfession.

Mit theologischer Überzeugungsarbeit und militärischem Druck förderte Bern den Übertritt der Städte Genf und Lausanne zur Reformation.

Die Stadt Bern gehörte im Mittelalter zum Bistum Lausanne.

Die Frage der Konfession war im 16. Jahrhundert mit den politischen Machtverhältnissen verknüpft. Die Untertanengebiete hatten die Konfession ihrer Landesherren anzunehmen.

Nach einem Streitgespräch in der Kathedrale entschied sich Lausanne zur Annahme des neuen reformierten Glaubens.

Bern stellte sich in Lausanne auf die Seite der Stadt, die den Bischof als Stadtherrn loswerden und zur Reformation übertreten wollte. Die Stadt hätte den wertvollen Kirchenschatz der Kathedrale gerne behalten, musste sich nach längerem Hin und Her aber dem Druck des mächtigeren Bern fügen.

Ein neues nachreformatorisches Bildmotiv: Die «Berner Bären» verteidigten die neue reformierte Konfession mit Waffengewalt.

Ein Kathedralschatz wird enteignet

Liste mit den Textilien des Lausanner Kathedralschatzes.

Kirchliches Silber, liturgische Gewänder und weltliche Textilien des Bischofs wurden nach Bern überführt.

Die Stadt Lausanne, die Geistlichen der Kathedrale, der Bischof und der Rat von Bern stritten sich um den Kathedralschatz. Verschiedene Listen sollten Entwendungen verhindern und Übersicht über die vorhandenen Werte ermöglichen. Dies gelang aber nur teilweise.

Ein ganzer Ornat des Lausanner Bischofs Aymon de Montafalcon wird nach Bern überführt.

Bern überführte 18 Wagenladungen mit Kirchengut nach Bern, darunter auch die vier Tapisserien mit der Geschichte des römischen Feldherrn Julius Cäsar. Das belegt ein Eintrag in einem zeitgenössischen Inventar.

Wie feiern ohne Pomp?

Karl der Kühne in Prachtskleidung als Meister der Ordens vom Goldenen Vlies.

Dem reichen Fürsten Karl dem Kühnen fehlte nach seiner Niederlage in der Schlacht bei Grandson 1476 der passende Wandschmuck für das Osterfest.

Der Herzog verlor in der Schlacht bei Grandson sein ganzes Heerlager – von Fässern mit gepökeltem Hering bis zum persönlichen Staatssiegel. Es fehlten ihm deshalb auch Wandbehänge, um das Osterfest in der Kathedrale von Lausanne festlich zu inszenieren. Er bat Verwandte, ihm auszuhelfen, wahrscheinlich auch seinen Höfling Guillaume de la Baume oder dessen Bruder.

Das Familienwappen De la Baume wurde auf jede Cäsartapisserie eilig aufgenäht.
Die vierteilige Serie kam wohl für Ostern 1476 in die Kathedrale von Lausanne.

Im Rahmen des Ostergottesdienstes verkündete der Herzog die Verlobung seiner Tochter und Alleinerbin Maria von Burgund mit Maximilian von Habsburg und brauchte daher eine passende repräsentative Ausstattung.

Maria von Burgund, eine der begehrtesten Bräute Europas.
Diese Verlobung legte den Grund für den Aufstieg der Habsburger zu einem weltumspannenden Reich.

In der Kirche vergessen?

Auf allen vier Tapisserien prangt das Wappen De la Baume als Besitzmarke.

Sicher lieh ein reicher Höfling seinem Dienstherren Tapisserien. Warum aber nahm er diese danach nicht mehr an sich?

Das Inventar von 1536 belegt, dass vier Tapisserien mit dem Wappen der Familie de La Baume und den Darstellungen der Triumphe des römischen Feldherren Cäsar von Lausanne nach Bern überführt wurden.

Inventar mit Nennung der Cäsartapisserien, dritter Eintrag von unten auf der rechten Seite.

Die Taten antiker Herrscher waren am burgundischen Hof ein beliebtes Bildthema.

Cäsar erscheint als nachahmenswertes Vorbild auf den Wandbehängen.

Vermutlich lieh der burgundische Höfling die Wandbehänge seinem Dienstherren Karl dem Kühnen für das Osterfest 1476. Warum aber holte er sie danach nie mehr ab? Gehörten sie vielleicht seinem Bruder, der bei der Schlacht von Grandson starb? Oder wollte der Bischof die kostbaren Textilien nicht mehr aushändigen?

Propaganda mit antiken Helden

Propaganda mit antiken Helden

Karl der Kühne besass ebenfalls eine Tapisserienserie mit der Geschichte von Cäsar. Diese ist aber verloren.

Karl der Kühne sah in antiken Feldherren und Herrschern grosse Vorbilder.

Auf einer Medaille liess sich Karl der Kühne wie ein antiker Feldherr porträtieren.
Entwurfszeichnung für eine Tapisserie zur Geschichte von Alexander dem Grossen.

Die burgundischen Herzöge nutzten Wandbehänge mit figürlichen Szenen als Wandschmuck. Die Botschaften der Bilder erreichen so den versammelten Hofstaat sowie Gesandte anderer Höfe. Karl der Kühne besass auch eine mehrteilige Folge von Wandbehängen mit den Taten von Cäsar. Sie ist verloren, hat aber wohl ähnlich ausgesehen wie die der Familie De la Baume.

Cäsar wurde als erfolgreicher Feldherr dargestellt, der gefährliche Schlachten siegreich besteht. Kleidung und Bewaffnung entsprechen der spätmittelalterlichen Mode – die Vergangenheit erscheint im Kleid der Gegenwart.

Cäsar mit zeitgenössischer burgundischer Kleidung.

Aufgehängt im Berner Rathaus

Im reformierten Bern wurden die erbeuteten Tapisserien im Rathaus hinter Schloss und Riegel aufbewahrt.

Fast 200 Jahre lang wurden die Tapisserien im Archiv im Rathaus eingelagert.

1754 wurden die «burgundischen Beutestücke» aus dem Archivgewölbe einmal öffentlich präsentiert. Die Ratsherren mussten entscheiden, was mit damit zukünftig geschehen solle. Jetzt durfte auch die Öffentlichkeit die Sehenswürdigkeiten besichtigen. Selbst in einer Zürcher Zeitung wurde auf diese Ausstellung hingewiesen.

In dieser Zeitschrift warb man für die Ausstellung im Berner Rathaus.
Die schönen Figuren der Cäsartapisserien werden im Zeitungsbericht explizit erwähnt.

Die Wandbehänge mit römischen Geschichten und Personen in natürlicher Grösse seien wohlgebildet und kunstfertig aufgeführt.

Kunstkenner bewunderten die Gesichter auf den Wandbehängen.

Die Tapisserien verblieben im Rathaus, für Kirchengewänder hingegen zog man einen Verkauf in Betracht.

Kulturelle Bildung für Politiker

Für die regelmässigen Versammlungen der höchsten Schweizer Politiker und für Gesandte präsentierte sich Bern im besten Licht.

Alle sechs Jahre versammelten sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts internationale Diplomaten und Delegierte der Kantone in Bern zur Behandlung nationaler politischer Angelegenheiten, zur «Tagsatzung».

Die Tagsatzungen setzten jeweils mit einer grossen Prozession aller Teilnehmenden vom Münsterplatz zur Heilig-Geist-Kirche ein.

Zu diesem politischen Grossanlass präsentierte Bern jeweils ein kulturelles Rahmenprogramm: eine Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst und eine zu den neuesten Errungenschaften der Industrie und des Gewerbes.

In der Regel war es der Berner Patrizier Franz Sigmund Wagner, der die Ausstellungen organisierte.

Im Chor des Münsters organisierte Franz Sigmund Wagner dann jeweils eine Ausstellung der von Karl dem Kühnen erbeuteten «Tapeten [Wandbehänge], Ritterröcke und Messgewänder».

Dieser Altarbehang wurde als Besitz Karls des Kühnen im Münsterchor ausgestellt.
Dank den Ausstellungen konnten Zeichnungen hergestellt und später in Druckwerken verbreitet werden.

Wandbehänge für Politiker

In der Heilig-Geist-Kirche in Bern fanden die Eröffnungsfeiern der Tagsatzungen statt.

Für die feierliche Eröffnung der Tagsatzung wurden Berns erbeutete mittelalterliche Wandbehänge als Kulisse verwendet.

Für die Eröffnungsfeier der Tagsatzung wurden die flämischen Tapisserien aus dem Münster in die Heiliggeistkirche ausgestellt.

Die einzige überlieferte Abbildung einer Eröffnungsfeier – die der Tagsatzung von 1847 – gibt eine Vorstellung von der Inszenierung der Wandbehänge.

Es seien «mit dem Blut der Väter» erworbene Trophäen, auf denen die Füsse der Repräsentanten der Eidgenossenschaft jetzt «noch einmal ruhen» könnten. Das sei ein angenehmer Gedanke, meinte 1804 der eidgenössische Berichterstatter. Die für die Aufbewahrung der Tapisserien zuständige Kirchenkommission aber protestierte: Künftig würden die Tapisserien nur noch als Wand- und nicht mehr als Bodenschmuck ausgeliehen.

Sehr wahrscheinlich dienten die Cäsartapisserien mehrfach als Kulisse in der Heiliggeistkirche.

Ein Festumzug mit Beutewagen

Die Teilnehmenden am Umzug trugen historisierende Kostüme und Requisiten.

Umzüge zur Erinnerung an lange vergangene Ereignisse ermöglichten es, Geschichte hautnah zu erleben und Patriotismus zu kultivieren – ein bunter Aufzug mit Kostümen, Imitationen und echten Beutestücken.

Zur Feier von 600 Jahren Beitritt Berns zur Eidgenossenschaft wurde 1853 ein pompöser Umzug in historischen Kostümen veranstaltet.

Festalbum zum Umzug von 1853.

Wenn die Männer und Knaben Berns in die Rolle ihrer heroischen Vorfahren schlüpften, so sollten sie deren Tugenden «erben», so die Hoffnung der Veranstalter. Der Festumzug endete mit dem Vorführen von eroberten Beutestücken, mit einem «Beutewagen». Die Cäsartapisserien dienten als Vorbild für das auf dem Beutewagen nachgebaute Zelt Karls des Kühnen. Das zeigt das auf dem Zelt abgebildete Motiv mit dem sitzenden römischen Herrscher.

Der Beutewagen im Umzug.
Wie die Kopfbedeckung zeigt, diente das Motiv als Vorlage für den Dekor des Zeltes Karls des Kühnen auf dem Beutewagen.

Die Obrigkeit verwaltet Beutekunst

Beutekunst als Staatsschatz

Blick auf das Rathaus. Das Archivgewölbe ist heute nicht mehr erhalten.

Im Archivgewölbe des Rathauses wurden Staatsschätze aufbewahrt: Geld, Urkunden, Schuldscheine und, erstaunlicherweise, erbeutete Textilien.

Das Rathaus von Norden. Hinter dem Türmchen lagen die Archivräume.

Dicke Mauern und ein Steingewölbe schützten den Staatsschatz der Berner Regierung. Im «oberen» Gewölbe gab es einen grossen Schrank, in dem die «Staatsantiquitäten» aufbewahrt wurden. Es waren vorwiegend in Kriegen und konfessionellen Auseinandersetzungen erbeutete Textilien.

Mittelalterliche Textilien aus dem Rathaus.

Diese profanen und ehemals sakralen Gegenstände hatten im frühneuzeitlichen Staatswesen Berns keine praktischen Funktionen mehr. Sie fungierten jetzt als kulturelles Kapital – als Wertanlage, als Triumphzeichen vergangener militärischer Grösse und als «Kunst».

Bestandskontrolle durch den Archivar

Bei einer Amtsübergabe musste der Schatzbestand vom amtierenden Archivar und dessen Nachfolger nach dem Vier-Augen-Prinzip kontrolliert werden.

Der vom Registrator erstellte Band mit dem Inventar.

Der für die Archivräume verantwortliche Angestellte, der «Registrator», musste vor einer Amtsübergabe ein Inventar der aufbewahrten Bücher, Urkunden, Schuldbriefe und Staatsantiquitäten erstellen. Im Beisein eines Schreibers seien «alle Teppiche, Messgewänder, Leinwand und Fahnen ausgepackt», in der Liste verzeichnet und wieder verpackt worden.

Letzte Seite im Band mit dem Bericht über die erfolgte Inventur.

Dann habe der neue Beamte die Schlüssel erhalten. Ein solches Vorgehen zeugt vom Zugriff der Verwaltung auf die Beutestücke. Das war ein wichtiger Schritt im Transformationsprozess von Beutegut zu identitätsstiftendem Kulturgut.

Die Serie der Cäsar-Tapisserien wird am Anfang des Inventars aufgeführt.

Die Obrigkeit sortiert aus

Die Obrigkeit sortierte das erbeutete Gut nach ihren eigenen Kriterien und befahl die Entsorgung dessen, was ihr nutzlos schien.

Im 18. Jahrhundert verfügte der Berner Rat bei den aufbewahrten Beutestücken eine Ordnung nach dem Prinzip «Gleiches zu Gleichem».

Umschlag des Ratsmanuale mit den abzuarbeitenden Notizen aus den Sitzungen des Kleinen Rats.

Fahnen kamen ins Zeughaus, über mittelalterliche weisse Leinentücher durfte das Spital verfügen, und bei den kirchlichen Textilien mit Metallfäden sollte geprüft werden, ob der wertvolle verarbeitete Rohstoff nicht wiederverwendet werden könne. Letzteres wurde wahrscheinlich nicht umgesetzt. Die Ratsprotokolle enthalten keine Hinweise darauf. Die riesigen mittelalterlichen Bildteppiche wurden wieder sorgfältig verpackt und eingelagert. Was aussortiert und verwertet wurde, ist unwiederbringlich weg. Es hinterlässt eine Überlieferungslücke.

Unter dem Stichwort «Tafelzeug» notiert der Ratsschreiber Ideen zum Umgang mit mittelalterlichen Leinentüchern.
Der Ratsschreiber notiert sich, beim Säckelmeister nachzufragen, ob man die Messgewänder und Kirchenornate mit Silber und Gold nicht einschmelzen lassen könnte.

Die Angst vor Ungeziefer

Die Sorge um eine gute Aufbewahrung der erbeuteten Textilschätze zeugt von ihrer wachsenden Bedeutung als Kulturerbe.

Die Obrigkeit sorgte sich um die Feuchtigkeit und um Ungeziefer in den Archivräumen im Rathaus und suchte nach einem besseren Aufbewahrungsort. Zunächst erwog man, den Haufen «Teppiche, Altarzierrat und Messgewänder» ins Zeughaus zu bringen.

Der im Rathaus aufbewahrte textile Staatsschatz.

Es seien die Denkmäler des Sieges über den Herzog von Burgund, Reste des vorreformatorischen Münsterschatzes und anderes «Zubehör der päpstlichen Mummereien», der katholischen Maskeraden.

Im oberen Stock der doppelgeschossigen angebauten Sakristei wurden die mittelalterlichen Textilien nun aufbewahrt.

Man entschied sich letztlich aber für die trockene und saubere Sakristei im Münster. Eine neue Inventarliste dokumentiert die 86 überführten Objekte.

Die erste Seite des 1795 angelegten Inventars in der Münstersakristei.

Erbe der Vorfahren – Last oder Lust?

Ein Erbe mit Löchern

Der Zustand der erbeuteten Textilien wurde zum Politikum. Der «Zahn der Zeit» fresse Löcher in das Kulturgut, hiess es.

Tapisserien bei der Eröffnung der Tagsatzung in der Heilig-Geist-Kirche.

In Bern wurden die angeblich in der Schlacht bei Murten erbeuteten flämischen Wandbehänge für die Eröffnungsfeierlichkeiten der Tagsatzungsversammlungen in der Heiliggeistkirche aufgehängt. Ihr Zustand musste 1834 besorgniserregend gewesen sein. Ein polemischer Zeitungsbericht schlug damals vor, man könne diplomatische Schreiben gerahmt vor die Tapisserien hängen, um deren Löcher zu kaschieren.

Die Fragilität der Tapissieren zeigen Durchlichtaufnahmen während der jüngsten Konservierung 2012/2013.

Das zeigt: Die Verwendung der Wandbehänge als programmatische Propaganda wurde nicht in allen politischen Lagern gutgeheissen.

Ein Geschichtsmuseum für Bern

Historische Exponate existierten lange nur als «Anhängsel» anderer Bestände in der Stadtbibliothek, im Antonierhaus, im Zeughaus oder im Münster.

Erbeutete Fahnen und Waffen wurden im Zeughaus aufbewahrt.

Erst 1881 führten geschichtsinteressierte Männer in Bern die bisher an unterschiedlichen Orten aufbewahrten und ausgestellten historischen Objekte zusammen und formten eine eigenständige Institution, das erste «Historische Museum» für die Stadt.

Blick in den oberen Saal, den Hauptsaal des Historischen Museums, der Bibliotheksgalerie.

Den naturhistorischen Beständen und den Werken der Malerei und Skulptur war diese Umformung zu eigenen Museen, dem Naturkundemuseum und dem Kunstmuseum, bereits früher geglückt. Den Anstoss für die Gründung eines historischen Museums gab die Versteigerung einer Sammlung schweizerischen Kulturguts, bei der viel ins Ausland verkauft wurde.

Eduard von Rodt, Direktor des ersten Historischen Museums.

Darf Kulturgut verkauft werden?

1882 wollte man in Bern die klammen Staatsfinanzen durch den Verkauf von mittelalterlichen kirchlichen Stickereien sanieren.

Den Hauptsaal des neuen Historischen Museums schmückten die grossformatigen Wandbehänge, die man alle nach wie vor als Burgunderbeute taxierte.

Innenansicht des Hauptraums des Historischen Museums.

Die mittelalterlichen Kirchengewänder wurden offenbar weniger wertgeschätzt. Eine progressive Zeitung schlug sogar deren Verkauf vor, um die städtischen Finanzen zu sanieren.

Kirchliche Textilien mit religiösen Bildthemen.

Die «mit dem Blut der Vorfahren erbeuteten Tapisserien», hingegen seien von unschätzbarem Wert und absolut unverkäuflich.

Diese Tapisserie hing im repräsentativen Ausstellungssaal im ersten Obergeschoss des neuen Historischen Museums.

Mit Faden und Nadel gegen den Zerfall

Frauen stopfen die Löcher der Geschichte(n)

Auch heute arbeiten viel mehr Frauen als Männer als Textilkonservator:innen.

Textilien zu erhalten ist bis heute weitgehend Frauensache.

Männer gründeten und leiteten Museen, so etwa das 1881 gegründete Historische Museum Bern. Sie erforschten die Sammlung, stöberten in Archiven, gruben archäologische Stätten aus und veröffentlichten wissenschaftliche Forschung.

Eduard von Rodst, Direktor der Historischen Museums Bern.

Das Erhalten von Textilien war dagegen weitestgehend Frauensache. Die Ehefrauen der Direktoren und Kuratoren reparierten kirchliche Textilien.

Der Konservator und Ausgräber Jenner im Historischen Museum und seine als Hilfsbibliothekarin und Aufsicht tätige Ehefrau.

Grössere Aufträge wurden an professionelle Fachkräfte vergeben, an Stickerinnen und Näherinnen. Die Kosten dafür übernahmen in Bern zunächst finanzkräftige Privatpersonen. Nach und nach beteiligten sich auch die Zünfte und die Stadt.

An versteckter Stelle signiert die Stickerin und Textilrestauratorin M. Carey-Bay ihre Arbeit.

Zerlegen, waschen und ausbessern

Maria Mürset restaurierte das Antependium umfassend.

Die Stickerin Maria Mürset zerlegte 1889 einen Altarbehang aus Königsfelden, entfernte Futtermaterial und ergänzte Leerstellen neu.


Maria Mürset war mehrfach für das Historische Museum Bern als Textilrestauratorin tätig. Sie zerlegte einen Altarbehang des 14. Jahrhunderts in die einzelnen Schichten und reinigte diese separat. Sie trennte die gestickten Figuren vom Trägergewebe aus Samt und entfernte mittelalterliche Pergamentstücke, die als Polster zwischen Grund und Applikationen verwendet wurden.

Mürset entfernte die Polsterschicht aus mittelalterlichen Pergamentresten zwischen Trägergewebe und aufgenähten gestickten Figuren.

Nach dem Waschen setzte sie die textilen Teile wieder zusammen. Wo etwas fehlte oder nur teilweise erhalten blieb, ergänzte und vereinheitlichte sie. Ein lückenloses und gleichmässiges Erscheinungsbild war das Ziel ihrer Restaurierung.

Die Kapitelle und Basen der Säulen zwischen den Heiligen wurden 1889 alle einheitlich mit neuer glänzender Metallfolie bedeckt.
Bei einer erneuten Konservierung 1989 wurden die 1889 angebrachten einheitlichen Metallfolien wieder abgenommen.

Neue Fäden für alte Helden

Jahrzehntelang bearbeitete die Näherin Katharina Bühler die von Bern erbeuteten spätmittelalterlichen Bildteppiche.

15 Jahre lang restaurierte Bühler drei der vier Cäsartapisserien. Der Aufwand bemass sich nach der Grösse der Tapisserie, nicht etwa nach deren Zustand. Separat abgerechnet wurde das benötige Material, also die Wolle, mit der die schadhaften Bereiche neu eingewebt wurden.

Im Stadtarchiv in Bern sind Kostenvoranschläge und Abrechnungen erhalten.

Moderne Wollfäden verstärkten oder ersetzten die brüchig gewordenen mittelalterlichen Schussfäden. Rund acht Prozent der 32.5 Quadratmeter grossen dritten Cäsartapisserie wurden neu eingewebt.

Konservierung 2012–2026: Die gelb kartierten Stellen zeigen Einwebungen des 19. Jahrhunderts.
Die Partien mit dem groben, heute braunen Garn wurden von Katharina Bühler eingewoben.

Lässt sich ein Alterungsprozess verlangsamen?

Licht und dauerhaftes Hängen schaden textilen Geweben. Aufgerollt im dunklen Depot sind diese zwar gut konserviert, verschwinden aber aus dem kulturellen Gedächtnis.

Seit die flämischen Tapisserien dauerhaft im Museum ausgestellt werden, benötigen sie rund alle 60 Jahre eine umfassende Konservierung. Die jüngste Kampagne soll 2027 zu Ende gehen.

Die Nähsicherung ist eine aufwendige Handarbeit.

Mit Spannstichen werden passend eingefärbte Stoffstücke als Stütze auf der Rückseite befestigt. Ein vollflächig aufgenähtes Futter erhöht zuletzt die Stabilität des Textils beim Bewegen und verhindert ein weiteres Verziehen.

Die Nähsicherung erfolgt von der Vorderseite, aber fürs richtige Platzieren der rückseitigen Stützgewebe muss man unter den Tisch kriechen.
Die Cäsartapisserien in der Wechselausstellung «Murten ausgeschlachtet» im Bernischen Historischen Museum 2026/2027.

Mittelalterliche Tapisserien waren für den seltenen Gebrauch geschaffen, nicht für die permanente Ausstellung im Museum. Wie lange lässt sich ihr Zerfall durch gute Konservierung wohl hinauszögern?

Für alle oder nur für Könige?

Rollbare Propaganda für reisende Fürsten

Die Burgunderherzöge waren mit ihrem Hof oft auf Reisen. Luxuriöse Wandbehänge vermittelten in unterschiedlichsten Räumen Bildpropaganda.

Tapisserien waren im Spätmittelalter das fürstliche Repräsentationsmittel par excellence. Mit Wandbehängen liessen sich Räume in Festsäle verwandeln, seien es Kirchenchöre, Burgsäle oder grosse Zelte.

Das eigene Wappen eignete sich besonders gut für fürstliche Propaganda.

Bei diplomatischen Treffen untermalte der gewählte Bildschmuck politische Anliegen und beeindruckte die Gäste.

Gemäss einer Schweizer Bilderchronik hingen 1473 bei einem Treffen zwischen Karl dem Kühnen und dem deutschen Kaiser burgundische Tapisserien an den Wänden.

Der Transport von Tapisserien war aber eine logistische Herausforderung und in Kriegszeiten riskant. In den Schlachten 1476 verlor Karl der Kühne viele Tapisserien und konnte nicht rechtzeitig eigenen Ersatz beschaffen.

Diese kostbare Millefleurs-Tapisserie verlor Karl der Kühne in den Burgunderkriegen an die Eidgenossen.

Das «Zelt Karls des Kühnen» im Berner Münster

Aus Beute wurde Ausstellungsgut: Die eroberten «Zelttapeten» Karls des Kühnen waren im frühen 19. Jahrhundert eine Attraktion in Bern.

So wurden Zelte auf den Cäsartapisserien dargestellt.

Während der Tagsatzung konnte das Publikum täglich von 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends im Chor des Münsters die «Tücher, Messgewänder und andere interessante Gegenstände» von Karl dem Kühnen betrachten.

Es ist schwer vorstellbar, wie der Chor des Berner Münsters mit der dort ausgestellten «Burgunderbeute» ausgesehen hat.

Dem territorialen Verlust der Waadt und des Aargaus nach dem Sturz des Ancien Regime 1798 stellte Bern nun kompensierend die einst erworbenen Beutestücke als kulturelle Zeugnisse vergangener Grösse entgegen. Die konfiszierten Kirchenschätze, so auch die Cäsartapisserien, sind alle zu Burgunderbeute mutiert.

Die rechte Hälfte der vierten Cäsartapisserie.

Und alle Beute soll direkt aus dem Zelt der Burgunderherzogs stammen. Dieses Zelt wird in Umzügen und Ausstellungen immer und immer wieder inszeniert.

Exotische Zelte zierten im 18. Jahrhundert Neujahrsblätter für die Jugend.

Staatsbankette im Museum

Der Schweizerische Bundesrat offerierte 1965 und 1968 Königen ein Staatsbankett im Museum, vor den Wandbehängen mit der Geschichte Cäsars.

Im Jahresbericht des Bernischen Historischen Museums wurde der Besuch des dänischen Königspaars 1965 dokumentiert.

Der Bundesrat hatte darum gebeten, das Staatsbankett anlässlich des Besuchs des dänischen Königspaars im September 1965 im Museum veranstalten zu dürfen. Die Aufsichtskommission des Museums beschloss: «Comme les Bernois aiment les rois, il me semble qu’on ne peut pas refuser» (Da die Berner Könige lieben, scheint mir, man könne nicht ablehnen).

Der Museumssaal mit den flämischen Wandbehängen wird zum Saal für das Bankett.

Für die aufwendigen Vorbereitungen musste das Museum drei Tage schliessen. Dann aber tafelten im Museum noch einmal Könige vor Beutegut. Dieses wurde nun als schweizerisches Kulturgut inszeniert.

Genau das gleiche Setting wurde im April 1968 für den Besuch des norwegischen Königs wieder aufgebaut.

Farben bleichen im Licht aus

Rechts ist die Vorderseite der dritten Cäsartapisserie ausgerollt, links die Rückseite. Ihre Farbigkeit ist viel intensiver.

Je länger und stärker Textilien dem Licht ausgesetzt sind, desto stärker verbleichen sie – auch im Museum.

In Mittelalter und Früher Neuzeit wurden Tapisserien meist nur für spezielle Ereignisse aufgehängt. In den Museen aber wollte man die Prunkstücke stets ausstellen und für alle zugänglich machen. Tageslicht schädigt aber die textilen Fasern und bleicht die Farben aus. Die Cäsartapisserien waren seit der Eröffnung des Bernischen Historischen Museums 1894 bis 2008 fast immer ausgestellt gewesen, bis 1985 sogar im Tageslicht.

In der grossen Wechselausstellung von 1967 fällt sogar noch Tageslicht in die Ausstellungsräume.

Ein Vergleich der Vorder- mit den Rückseiten der Tapisserien zeigt, wie viel kräftiger die Farbigkeit früher war.

Links die Farbigkeit der Vorderseite, rechts die der Rückseite.
Susan
Story aus Mariengürtel
Das Mittelalter als Inspiration

Das Mittelalter erschien während der Industrialisierung als Quelle der gesellschaftlichen Erneuerung. Auch aus erbeuteten Trophäen wurde Kunst.

Nächstes Kapitel in vervielfältigen
Das fantastische Zelt des Herzogs

Im 19. Jahrhundert wurden an vielen Orten der Schweiz Museen gegründet. Die Burgunderbeute wurde dort auf pompöse Weise neu inszeniert und dazu neu genäht.

Story aus Mariengürtel
Ein Trophäenzelt für die Schweiz

Eigens für die Landesausstellung des jungen Nationalstaates Schweiz von 1896 in Genf wurde ein burgundisches Zelt angefertigt.

Susan
Story aus Harnisch
Den Körper edel formen

Schlanke Beine, enge Taille, mächtige Schultern – der elegante und doch kraftvolle Körper als Ideal des 15. Jahrhunderts.

Vorheriges Kapitel in vervielfältigen
Aus Altem und Neuem wird Geschichte

In Bern wurde Geschichte immer wieder in Strassenumzügen inszeniert. Kostüme bestanden aus tatsächlichen Trophäen und vielerlei Nachbildungen.

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Dichtende Kanonen im Basler Zeughaus

Im spätmittelalterlichen Zeughaus von Basel scheinen die Geschütze gar selbst von ihrer Schlagkraft zu reden.

Story aus Geschützrohr
Frauen am Rande der Geschichte

Das Geschützrohr kennt man bis heute als Burgunderbeute, andere Formen von Kriegsbeute sind in Vergessenheit geraten.

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